„Rausgeflogen aus dem Paradies“ (Offenbarung 3,8)

Siehe, ich habe eine Tür aufgetan und niemand kann sie zuschließen.

Irgendwann sind wir aus dem Paradies rausgeflogen. Die Tür ging auf und wir saßen auf einmal draußen. Damals war noch alles in Ordnung. Mein Vater zum Beispiel konnte mir noch erklären, wie das Radio funktioniert. Und weil er handwerklich gut drauf war, konnte er das Auto reparieren, wenn es kaputt war. Ich selbst war, um es freundlich auszudrücken, handwerklich nicht besonders begabt – und wenn ich so überlege, gilt das bis heute.

Dafür konnte ich irgendwann die ganze Welt erklären. Ziemlich schlüssig sogar, wie ich fand: Vom Urknall über die Evolution, durch die ganze lange Geschichte der Klassenkämpfe und Revolutionen bis hin zum modernen Kapitalismus. Ob sich aus den Widersprüchen des Kapitalismus dann auch zwingend der Sozialismus entwickeln werde, wie Karl Marx das logisch darlegte, schien mir schon damals mehr als fraglich. Aber trotz aller Widersprüche war es einfach paradiesisch, in einer Welt zu leben, die mit dem Verstand erklärbar war.

Das machte dann auch vor der Theologie nicht halt. Ernsthafte Einwände gegen die sozialgeschichtliche Bibelauslegung oder feministische Befreiungstheologie konnte ich einfach nicht nachvollziehen. Das Weltbild passte so wunderbar, gab Kraft zu einem engagierten Leben. Es war herrlich darin zu leben, besonders unter Gleich- bzw. Ähnlichgesinnten.

Aber wie gesagt: Irgendwann sind wir aus dem Paradies rausgeflogen. Haben begreifen müssen, dass es Dinge gibt zwischen Himmel und Erde gibt, die wir schlicht nicht verstehen. Mit meinem Computer geht es schon los. Jeden Tag leistet er mir wertvolle Dienste und ich weiß, wie ich ihn zu benutzen habe. Nicht wegzudenken, wie wir auch hier im Amt heutzutage arbeiten sollten, ohne diese technischen Geräte, die weit mehr sind als Hilfsmittel. Aber wenn mein Computer nicht so will wie ich, wenn er abstürzt und mir einen „unbekannten Fehler“ meldet, dann hilft alles Schimpfen nichts. Und auch zarte Liebkosungen helfen in der Regel nicht weiter. Da bin ich einfach aufgeschmissen.

In der Grundlagenphysik haben sich als Folge von Einstein und Heisenberg wohl Unschärfen aufgetan. Nicht, dass ich das wirklich verstehe. Aber es ist verwirrend genug, dass das gute alte Weltbild von Isaak Newton, das alles zu erklären schien, offenbar nur begrenzt gilt und große Teile der Wirklichkeit nicht mehr erklären kann.

Aus dem Paradies rausgeflogen. Die Soziologen und Kulturwissenschaftler nennen das »Postmoderne«. Wir müssen in einer Welt leben, die uns kein Mensch mehr zusammenhängend erklären kann und wo auch niemand mehr die Autorität dazu hat. Auch die Kirchen nicht. Zwar nimmt man noch in manchen Gegenden und in der Politik interessiert zur Kenntnis, was wir zu sagen haben, aber die paradiesischen Zeiten von „früher“ sind vorbei. Vieles, was heute passiert und entschieden wird, wenn nicht alles, hat da einen Geschmack von Zufälligkeit. So wenigstens kommt es einem vor.

„Kontingenzerfahrung“ nennen das die modernen Philosophen. Die Welt begegnet uns unerklärbar und unbeherrschbar. Die inneren Zusammenhänge entziehen sich auch mehr und mehr den zuständigen Expertinnen und Experten. Bankenkrise und Klimawandel, Rückgang bei den Kirchensteuern, Fremdenhass und Islamfeindlichkeit sind nur ein par aktuelle Beispiele. Wer fühlt sich ab einem gewissen Grad dann nicht überfordert und ausgeliefert?

Die daraus resultierende Ängste führt hin und wieder leider zu unerfreulichen Reflexen. Die Art und Weise, wie da z.B. über eine ganze Bevölkerungsgruppe in unserem Land geredet und geurteilt wird, teils mit ganz absurden Theorien und mit erstaunlicher Geschichtsvergessenheit, macht deutlich: Die Menschlichkeit ist manchem zumindest zeitweise abhanden gekommen.

Aber auch in solchen Zeiten, gibt es kleine Hoffnungszeichen: Wie den befreundeten Buchhändler, der aufgebrachten Kunden seelenruhig erklärt, dass er das berüchtigte rote Buch in seinem Laden einfach „nicht führt“, weil er daran nicht mitverdienen will.

Hand in Hand mit solchen Ängsten und Unsicherheit öffnen sich aber auch neue Räume. Es hilft ja nichts, dem verlorenen Paradies nachzutrauern. Die Tür zur Welt hin steht ja offen. Womöglich gibt es da draußen viel zu erleben? Jedenfalls sind wir unterwegs. Ob wir wollen oder nicht.

Die alte Heimat der festen Denksysteme ist verbaut. Natürlich gibt es sie noch. Die Fundamentalisten verschiedenster Couleur. Am mächtigsten sind wohl die liberalen Marktradikalen, die – warum auch immer – felsenfest davon überzeugt sind, dass der Markt alles regelt und zu einem guten Leben in Wohlstand führt – je ungehemmter wir ihn machen lassen. Allein, wir haben den Glauben daran spätestens in der jüngsten Wirtschaftskrise verloren.

Mit Macht drängen auch religiöse Fundamentalisten in die sichtbar gewordenen Risse. Vor allem einige so genannte „Protestanten“ nordamerikanischer Prägung, die meinen, über Gottes Pläne für und mit der Welt genauestens Bescheid zu wissen. Aber auch andere in und außerhalb der großen Kirchen stehen bereit mit ihren Ideen von Evangelium und Moral. Ja, ich gebe zu, die Versuchung ist groß, in die religiösen Lücken der Postmoderne zu springen. Aber es geht nicht. Denn wir haben die Wahrheit nicht, höchstens eine Ahnung davon. Wir sind aus dem Paradies rausgeflogen.

Wir sind unterwegs. Aber jenseits der Türe liegen die neue Räume. In der Medizin wird das deutlich. Kein Mensch kann mir erklären, warum Homöopathie und Bachblüten funktionieren sollen. Aber es gibt so viele Menschen, die darauf schwören und konkret Heilung erfahren – da hilft auch die breit angelegte Öffentlichkeitskampagne gegen die Homöopathie im letzten Sommerloch nichts. Platzebo wirken schließlich auch. Wahrscheinlich ist was dran.

Und es ist was dran an den Heiligen Räumen. An den besonderen Orten. Theologisch aufgewachsen bin ich in der populär-reformierten Vorstellung, dass nichts besonders heilig ist. Die ganze Welt ist profan und die ganze Welt ist heilig zugleich. Aber im Zuge der bröckelnden Denksysteme wird der innere Blick frei für andere Erfahrungen. Spätestens bei meinem ersten Besuch auf der schottischen Insel Iona ist es mir entgegen aller theologischen Richtigkeiten so ergangen.

Es gibt eben doch Orte und Kräfte, für die uns meist die Worte fehlen. Wir Christinnen und Christen vertrauen darauf, dass es Gottes Heilige Geistkraft ist, die weht, wo sie will. Die wir nicht verwalten können, die uns aber begegnet. In unsere Kirchen können wir sie leider (oder Gott sei Dank) nicht einsperren. Obwohl die Geistkraft auch da gelegentlich zu Gast ist. Aber sie weht eben, wo sie will. Im Urlaub haben sie einige von uns sicher schon gespürt – in den erhabenen Bergen oder in der Weite am Meer.

Wir sind unterwegs. Das Paradies ist verbaut. Und doch hoffen wir – und manchmal ist es auch zu spüren–, dass wir nicht alleine sind. Da ist Gottes Geist. Und da ist die Gemeinschaft. Eben die Gemeinschaft der Suchenden und Fragenden. Gemeinsam sind wir unterwegs. Voller Fragen und Zweifel. Und meistens auch ohne einen, der uns alles wirklich erklären könnte.

Aber die Tür ist ja offen. Und, wenn ich die Monatslosung für Oktober vollständig lese, sie bleibt offen. Niemand kann sie zuschließen. Niemand? Also auch Gott nicht. Vielleicht ist das ja der Clou: Wir sind unterwegs und auch wenn es manchmal wie eine biblische Wanderung durch die Wüste anfühlt, vielleicht kommen wir irgendwann doch wieder da an, wo wir gestartet sind. An einer offenen Tür. Und dahinter wartet das Paradies, vielleicht?

Amen.

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