„Kein Raum in der Herberge Europa“ (Lk 2,1-7)

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Sie waren auf der Durchreise. Freiwillig hätten sie ein solches Wagnis nicht auf sich genommen: eine lange Reise durch karges Land, kaum befestigte Straßen. Sie kamen durch Ortschaften, wo niemand etwas mit ihnen zu tun haben wollte. Fremde, die keiner kennt und die niemand kennen lernen will. Nun, sie selber waren auch nicht darauf aus, neue Bekanntschaften auf dem Weg zu schließen. Sie wollten nur endlich ankommen und die gefährliche Reise hinter sich bringen. Und als sie schließlich ihr Ziel erreicht hatten, waren sie erschöpft und doch froh. Aber die Freude währte nur kurz. Dann kam die bittere Erkenntnis: Es gab keinen Platz für sie, kein freies Zimmer, weder im Hotel noch in einer Pension, noch nicht mal in provisorischen Unterkünften! Es gab einfach keinen Raum für sie.

Wie viele Menschen in unserer Zeit teilen die Erfahrung der Heiligen Familie? Wie viele sind unterwegs wie Maria und Josef und finden keinen Raum in der Herberge, ja noch nicht einmal einen Eingang in die sichere Herberge Europa? Sie kommen übers Meer, nachts, wenn es ruhiger ist. Für die Wenigsten beginnt die Reise erst an der nordafrikanischen Küste. Die Meisten haben schon tausende von Kilometern zurückgelegt, wenn sie zu den Schleppern in die Boote steigen. Auf abenteuerlichen Wegen haben sie ihre Heimat verlassen. Viele sind vor Krieg und Katastrophen, vor willkürlicher Gewalt und Unterdrückung geflohen. Andere fliehen vor der Verzweiflung und der Aussichtslosigkeit, die ihnen zuhause drohen. Keine Arbeit, keine Sicherheit, keine Gesundheit – ja, keine Perspektive. So unterschiedlich ihre Gründe zur Flucht sind, sie alle haben eins gemeinsam: Hoffnung! Die Hoffnung treibt sie an.

Die Hoffnung auf ein sicheres, ein besseres Leben, sie gibt ihnen Kraft und befähigt sie zu diesem mutigen Schritt. Es ist eine beschwerliche Reise, auf der viele Gefahren für Leib und Leben lauern. Aber ihre Hoffnung ist größer als die Angst. Bei manchen kommt noch der Erwartungsdruck aus der Heimat dazu. Denn auf ihren Schultern lasten auch die Hoffnungen der Zurückgebliebenen. Sie sollen es nach Europa schaffen und dann ihren Familien von dort aus helfen, ihnen Geld schicken, das sie mit einfachen und dreckigen Arbeiten verdienen. Scheitern ist für sie keine Option.

Anders als bei Josef und Maria wissen sie alle noch nicht, wo sie am Ende landen und wie lange die Reise dauern wird. Irgendwie in den Norden kommen, nach Europa oder vielleicht sogar noch weiter, in die USA. Dort gibt es Schutz, Asyl, vielleicht auch Arbeit. Auf jeden Fall ein besseres Leben als das, was sie hinter sich gelassen haben. Doch dann, wenn sie die scheinbar letzte Hürde nehmen, die unsichtbare Grenze aus Wasser, wird der Traum von einer besseren Zukunft für viele zum Albtraum.

Wer Glück hat, überlebt die Überfahrt in den meist nicht seetauglichen Nussschalen. Die Schlepper machen sich rechtzeitig davon, wenn die patrouillierenden Schiffe der Küstenwache in Sicht kommen.

Wer Glück hat, rettet sich aus dem sinkenden Boot und schafft es an Land.

Wer Glück hat, wird nicht von den Grenzschützern auf offener See abgedrängt und wieder zur afrikanischen Küste eskortiert.

Wer Glück hat, wird auf europäischen Boden gebracht, nach Sizilien, Griechenland oder Malta. Aber dort werden sie in Lagern zusammengepfercht, oft unter unvorstellbaren hygienischen Bedingungen. Dort müssen sie warten auf ein Asylverfahren. Und das kann dauern. Die Länder an den Außengrenzen der Europäischen Union sind heillos überfordert mit der Zahl der Anträge. So kann sich die Zeit im Lager hinziehen. Die Leute werden krank. Krank vom Nichtstun, von der inneren Leere, von der Angst vor dem abrupten Ende ihrer Reise und der schmachvollen Rückkehr in ihre Heimatdörfer. Dann geht der Albtraum von vorne los und nicht wenige wagen einen neuen Versuch, ihr Elend hinter sich zu lassen und doch irgendwie über die Grenze im Mittelmeer zu kommen.

Natürlich haben Grenzen ihre Berechtigung. Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union haben ein Recht darauf, ihre gemeinsamen Außengrenzen zu schützen – gegen Kriminalität, Schmuggel oder Menschenhandel.

Aber bei aller Sorge um Sicherheit und Stabilität für die Staatengemeinschaft dürfen wir uns nicht komplett abschotten gegen das humanitäre Leid von Schutzsuchenden. Denn wir sind mit betroffen vom Elend der anderen.

Den relativen Wohlstand in Europa, unsere Sicherheit genießen wir auf Kosten der Länder des Südens. Die Wurzeln dafür liegen weit in der Kolonialzeit. Heute noch verfügen die 20% der Weltbevölkerung im Norden über 80% des Vermögens und der Ressourcen. Und so hat Europa eine Mitverantwortung für diese Situation, die uns verpflichtet zu einem menschenwürdigen Umgang mit denen, die sich auf den Weg zu uns machen. Auch Flüchtlinge sind Menschen mit einer unantastbaren Würde! Auch Flüchtlinge genießen Menschenrechte wie das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person. Sie dürfen nicht auf Hoher See zurückgewiesen und womöglich noch in außereuropäische Länder gebracht werden, wo ihnen weitere Menschenrechtsverletzungen drohen. Stattdessen brauchen Flüchtlinge internationalen Schutz, die Aussicht auf ein faires und zügiges Asylverfahren, legale Möglichkeiten zur Einwanderung – eben einen Raum in der „Herberge Europa“.

Josef und Maria hatten Glück im Unglück. Sie fanden noch einen Stall, wo das Gotteskind zur Welt kommen konnte. Eine Futterkrippe musste herhalten, immerhin. Vermutlich ist es kein Zufall, dass das Lukasevangelium die Weihnachtsgeschichte so erzählt und nicht anders: Gott kommt in die Welt, ausgeliefert und angewiesen auf Schutz. Geboren in ärmlichen Verhältnissen, auf der Durchreise, ohne ein echtes Dach über dem Kopf. Fast schon programmatisch wirkt diese Geschichte, denn sie verweist auf die Botschaft des erwachsenen Gottessohnes. Seine Verheißung richtet sich gerade an die Schwachen, die Entrechteten, an Flüchtlinge und Migranten, Verzweifelte und Hoffende, an diejenigen ohne Lobby und ohne Einfluss, aber mit dem großen Bedürfnis nach Schutz und Gerechtigkeit. Ihnen gilt das Reich Gottes in besonderer Weise. Diese Verheißung scheint schon durch den dunklen Schleier der Weihnachtsgeschichte, den wir oft genug in unserem Bedürfnis nach Harmonie und heiler Welt in der Vorweihnachtszeit gerne übersehen.

Der Kern der Geburtsgeschichte Jesu ist tragisch. Er ist zugleich aber auch verheißungsvoll für all jene, die das Schicksal des „Christkindes“ teilen. Und uns als Christinnen und Christen im Advent fragt die Geschichte an, auf welcher Seite wir eigentlich stehen. Auf der Seite derer, die die Grenzen dicht machen oder bei denen, die sich einsetzen für Menschen auf der Flucht? Stehen wir auf der Seite unserer geringsten Menschenbrüder und -schwestern? Unter ihnen finden wir den Gottessohn, dessen Ankunft in bitterer Armut wir erwarten. Mit ihnen nehmen wir auch ihn auf. Mit ihnen geben wir auch ihm eine Chance auf ein Leben in Sicherheit und Würde.

Vertrauen wir dem Jesuskind? Dann wollen wir nicht aufhören dafür sorgen, zu hoffen und zu beten, dass es für Schutzsuchende immer noch einen Raum gibt in der Herberge Europa.

Amen.

 

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