Als das Wünschen noch half (Mt 1,18-25)

Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe er sie heimholte, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. Josef aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen. Als er das noch bedachte, siehe, da erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden. Das ist aber alles geschehen, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14): »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns.

Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. Und er berührte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus.

Die Feier ist vorüber. Nun ist sie da, die heilige Nacht. Die Begegnungen des Tages hallen noch nach, ganz unterschiedliche Gefühle waren das wieder Mal. Die Aufregung der Kinder hat sich gelegt, und auch wir hier können zur Ruhe kommen. Das köstliche Essen ist verspeist, und auch die Geschenke sind ausgepackt. Es gab mal einen Haufen Geschenke. Und die haben nicht ganz zufällig ihren Weg gefunden. Dafür haben schon die Wunschzettel gesorgt, die überall gemacht wurden. Listen mit großen und kleinen Wünschen, realistische und unerfüllbare – für alle möglichen Wünsche gibt es Wunschzettel. Etwa so wie diese hier:

Claudia, 17 Jahre, 10. Klasse:

– 15 Pfund abnehmen

– den Realschulabschluss schaffen

– bald zu Hause ausziehen

– endlich einen Freund haben

– einen iPod (in pink)

Luis, 8 Jahre, 2. Klasse:

– eine Play-Station 3

– den großen grünen Drachen von Schleich (Nr. 733)

– keine selbstgestrickten Socken von Tante Marie

– ein Auto mit Fernsteuerung (schwarzer Jeep mit dicken Reifen, Jakoo-Katalog, Seite 78)

P.S. Wer auch immer das mit dem Wunschzettel macht – denkt bitte auch an die Batterien!

Karl-Heinz Schneider, 76 Jahre, Rentner:

– noch einmal mit Gerda ans Meer fahren

– dass die blöde Heizung dieses Jahr nicht wieder schlapp macht

– weniger Rückenschmerzen

– dass 96 einmal in meinem Leben noch erster wird.

Janne, knapp 6 Jahre:

– alles von Lego City

– alles von Playmobil, aber besonders die große Burg mit dem schwarz-roten Drachen.

– Vampirzähne.

Pia, 34 Jahre:

– nur ein Wunsch: dass die schwerkranke Mutter noch etwas leben kann, ohne große Schmerzen.

Joseph, um die 40 Jahre, Zimmermann:

– dass das Gerede im Dorf endlich aufhört

– dass das Kind es mal besser hat als wir

– dass ich aus dieser heiklen Sache irgendwie rauskomme, ohne Maria weh zu tun.

Solche Wunschzettel gibt es viele. Liebevoll aufgemalt, geschriebene und ungeschriebene. Aber nicht alle haben einen Wunschzettel oder überhaupt irgendwelche Wünsche. Wenn ich meine Oma früher vor Weihnachten gefragt habe, was sie sich denn wünscht, dann hat sich nur gesagt: „Ach Kind, schenk mir bloß nichts. Ich hab doch alles. Ich bin wunschlos glücklich.“

Mal abgesehen davon, dass das für mich als Enkel Geschenke-technisch wenig hilfreich war: Geht das eigentlich? Wunschlos glücklich sein? Also quasi einen leeren Wunschzettel abgeben?

Klar geht das. Es gibt Momente, die uns wunschlos glücklich machen, und nicht nur die Großeltern unter uns. Momente des Glücks, erfüllte Momente, in denen alles so bleiben könnte, wie es gerade ist. Da brauche ich nichts Neues oder Anderes, da bin ich ganz bei mir. Besonders diejenigen, die schon mal schlimme Krisenzeiten erlebt haben wie die Kriegsgeneration meiner Oma. Diese extremen Erfahrungen haben Sie geprägt. Heute ist sie wunschlos glücklich.

Für die anderen, die jüngeren wie mich, gehen diese wunderbaren Momente irgendwann vorüber – wie alles im Leben. Und dann spüre ich schnell, was mir alles fehlt, vor allem wer mir fehlt und was ich alles nicht bekommen kann, so sehr ich es mir auch wünsche.

Es gehört vielleicht zum Erwachsenwerden dazu, dass wir das Wünschen verlernen. Dieses sorglose Wünschen, das damals in den alten Zeiten der Kindheit noch half – als die Welt noch verzaubert war, als es noch Könige gab, Feen und Prinzessinnen. Und natürlich das Christkind oder den Weihnachtsmann, die zwar nur einmal im Jahr auftreten, aber dafür viele Kinderwünsche auf einmal erfüllen. Irgendwann aber ging dieser Zauber der alten Zeiten verloren…

In den alten Zeiten, als das Wünschen noch half. In den alten Zeiten, als das Gerücht herumging, dass Gott die ganze Welt verändert. Als die Engel draußen bei den Hirten sangen. Und als weise Männer aufbrachen zu einer ziemlich verrückten Reise, um einen König zu suchen – und schließlich bei einem Neugeborenen im Viehstall landeten.

Das Kind. Dieses Kind, das in erbärmlicher Weise auf die Welt kommt, ohne einen Raum in der Welt, ohne Platz in der Herberge. Schon bei seiner Geburt werden große Wünsche laut: „Friedefürst“, „Wunder-Rat“, „Ewig-Vater“ diese Beinamen sind Programm. Sie stehen für Wünsche, die sich fest mit dem Jesuskind verbinden.

Joseph hat auch einen Wunsch. Aus der Sache mit Maria irgendwie wieder rauskommen. Er hat Angst vor dem, was da auf ihn zukommt. Vater sein – das ist schon in geordneten Verhältnissen schwierig genug. Aber nun, mit dieser jungen Frau… Von wem auch immer das Kind ist, von ihm ist es mit Sicherheit nicht. Die Leute werden ihn weiter verhöhnen und über ihn Lachen. Wenn er doch nur wüsste, was er machen soll.

Ja, mancher Wunsch wird aus Angst und Sorge geboren. Dann geht es eher nicht um Stofftiere oder ferngesteuerte Autos. Dann geht es nicht um das, was wir uns wünschen. Sondern um das, was wir eigentlich brauchen.

Josephs Wunsch geht in Erfüllung. Sozusagen über Nacht, im Traum. In Träumen werden uns manchmal erst unsere Wünsche wirklich offenbar. Ein  Engel zeigt Joseph den Weg aus der Sackgasse und er ermutigt ihn zum Handeln. Joseph wird sich der familiären Verantwortung nicht entziehen und Maria zur Seite stehen. Er wird dem Kind den Namen Jesus geben und in der Geschichte Gottes mit den Menschen einen wichtigen Platz einnehmen. Davon ahnt er zwar jetzt in dieser  Nacht noch nichts. Sein Wunsch aber wird in Erfüllung gehn.

Und es gibt noch so viele Wünsche, ganz unterschiedliche. Ganz unrealistische, die nur aus Träumereien bestehen, die sich am Ende in Luft auflösen. Und es gibt solche, bei denen wir selbst mitwirken können, damit sie nicht verpuffen. Bei denen braucht es auch Taten, wenn sie in Erfüllung gehen sollen. Ich kann mir nicht „Friede auf Erden“ wünschen und gleichzeitig wegsehen, wenn jemand im Bus angepöbelt wird. Und wenn ich mir eine gerechtere Welt wünsche, dann darf ich nicht auf die Flüchtlinge schimpfen, die in Europa Schutz suchen und auch keinen Raum in der Herberge finden.

Vielleicht ist es gerade der Zauber von Weihnachten, dass es zu wünschen übrig lässt. An Weihnachten haben wir Zeit, das Wünschen neu zu lernen – und neue Wünsche zu lernen. Denn wer wünscht, der ist offen für etwas neues, etwas, dass noch nicht da ist. Wer wünscht, der hat Hoffnung. Vielleicht musste Gott erst ein Kind werden, um der Welt das Wünschen neu zu zeigen, ja um neue Hoffnung zu schenken.

Die Bibel ist übrigens voll von Wünschen, die manchmal gar nicht soweit weg sind von dem, was uns bewegt. So wie es dieser biblische Wunschzettel zeigt:

– dass Friede sei auf Erde und den Menschen ein Wohlgefallen (Lk 2)

dass Blinde sehen und Lahme gehen, dass Aussätzige rein werden und Taube hören, dass Tote auferstehen und den Armen das Evangelium gepredigt wird (Mt 11,5)

dass das Volk, das im Finstern wandelt, ein großes Licht sieht und über denen, die im Finstern wohnen, es hell wird (Jes 9,1)

dass keine Stiefel mehr mit Gedröhn einhergehen und keine Mäntel mehr durch Blut geschleift werden (Jes 9,4)

dass Gott abwischen wird alle Tränen von unseren Augen und der Tod nicht mehr sein wird, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz (Offb 21,4).

 – und dass der Friede Gottes, der höher ist als alles, was wir Menschen denken und fühlen, unsere Herzen bewahre in Christus Jesus.

Amen.

(Nach einer Idee von Thorsten Latzel)

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