Ich war’s! (Mk 12,41-44)

Ich war’s. Ja, ganz richtig gehört: ich war’s, ohne wenn und aber!

Keine Sorge, hier kommt jetzt nicht irgendein peinliches Geständnis oder so. Obwohl, eigentlich hätte ich in den letzten Wochen gerne so das eine oder andere Bekenntnis zur eigenen Schuld gehört. Etwa bei Herrn zu Guttenberg: „Ehrlich Leute, ich war’s. Ich habe abgeschrieben und mir dabei noch nicht viel Mühe gegeben.“ Oder wie die Herren von der Betreiberfirma der Reaktoren in Fukushima: „Sorry, aber wir haben in den vergangenen Jahren ein paar Mal bei der Wartung unserer Anlagen geschlampt. Wir waren’s.“ Aber auch im Alltag kommt es viel zu selten vor, dass mal jemand Verantwortung übernimmt und ehrlich zugibt: „Ich war’s.“ Ob in der Schule, zuhause oder auf der Arbeit – Geschichten darüber kennt Ihr sicher alle genug.

Ich war’s – das ist auch das Motto der evangelischen Fasten-Aktion „Sieben Wochen ohne“. Sieben Wochen ohne Ausreden, ohne ein Geflecht aus Halbwahrheiten und Drumherumreden. Stattdessen: „Sieben Wochen mit“. Sieben Wochen mal Klartext reden und zu sich selber stehen. Zu den Stärken aber auch zu den eigenen Schwächen. Das ist gar nicht so leicht. Und es braucht ziemlich viel Selbstbewusstsein. Dazu gibt es eine wunderbare Geschichte in der Bibel. Sie ist heute unser Predigttext und geht so:

Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das macht zusammen einen Pfennig. Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.

Jesus ist begeistert: die Witwe hat es richtig gemacht. Sie hat es nicht wie die vielen Wohlhabenden gemacht, hat nicht aus einem dicken Portemonnaie einfach ein paar Scheinchen gezogen und lässig eingeworfen. Sie hat ganz wenig gegeben, da reingesteckt in den Gotteskasten, so eine Art Spendenbox, wo Leute für die Erhaltung des Tempels in Jerusalem und für die Gottesdienste dort etwas geben konnten. Sie hat nur wenig gegeben. Und doch ist es viel.

Als Witwe hat man es heute auch noch schwer. Und damals noch viel mehr! Ihr Mann ist gestorben, sie muss nun allein klar kommen im Leben. In ihrer Zeit gibt es aber keine Witwenrente oder eine ordentliche Lebensversicherung. Witwen sind buchstäblich „arm dran“. Sie selbst hat kein Einkommen und ist schutzlos, sie hat keine Rechte mehr in der Gesellschaft. Das bisschen Geld, das sie von der Armenkasse des Tempels bekommt, reicht gerade so zum Überleben. Sie lebt von der Hand in den Mund.

Und trotzdem gibt sie etwas. Ja, sie gibt fast alles, was sie hat. Das ist ungewöhnlich. Sogar unverantwortlich. Von was soll sie denn nun die nächste Mahlzeit bestreiten? Am Ende verhungert die Gute noch und das nur, weil sie ein Spende an den Tempel gegeben hat.

Ich finde das ziemlich dramatisch und zugleich beeindruckend: Denn die Witwe gibt tatsächlich mehr als die Reichen. Zwar nicht in der absoluten Summe, aber relativ viel mehr, relativ – in Beziehung gesetzt zu dem, von dem sie überhaupt etwas abgeben kann.

(Für alle, die genauso schlecht in Mathe sind wie ich, hier ein Rechenbeispiel: 10 Euro von Hundert sind natürlich viel mehr als 10 Cent von 50 Cent. Aber relativ gesehen, sind die 10 Cent ein größeres Opfer, denn es bleiben nur 40 Cent übrig. Versucht mal damit was zu essen zu kaufen! Da hat es derjenige schon leichter, der mit den übrig gebliebenen 90 Euro dasteht.)

Es ist eine tolle Geschichte, voller Vertrauen: Denn die Witwe gibt nicht nur verhältnismäßig mehr ab als all die anderen Reichen, die vor ihr eine Runde zum Gotteskasten drehen. Nein, sie vertraut grundsätzlich ihren Lebensunterhalt nicht dem Geld an. Während sich die Reichen der Illusion hingeben, dass ihr Geld ihnen Sicherheit garantiert, hat die Witwe gar keine Möglichkeit dazu. Gerade weil sie so arm ist, hat sie entdeckt, dass ihr Lebensunterhalt nicht allein auf Geld gründet. Er gründet vor allem auf Gott.

Im Großen und Ganzen können sich die Reichen der Illusion hingeben, dass jeder für sich selbst sorgen kann und muss. Dass jeder ganz aus sich heraus wirtschaftet und auf niemanden angewiesen ist. Dieses selbstbezogene Leistungsdenken ist tief verankert auch in unserer Kultur. Die sozialpolitische Debatte rund um die Hartz IV-Reformen gehen z.B. davon aus, dass im Prinzip alle Menschen für sich selbst sorgen können und soziale Hilfen nur im Notfall bereitgestellt werden müssen.

Was aber geschieht, wenn jemand eben nicht so stark und fähig ist, oder wenn er einfach Pech gehabt hat, dass seine Firma bankrott geht? In der Leistungslogik ist dann alles hinüber. Mit der eigenen wirtschaftlichen Kraft geht auch das Selbstbewusstsein flöten. Depressionen und tiefe Sinnkrisen sind zuverlässige Begleiter auf dem Weg durch die Arbeitslosigkeit.

Ganz anders agiert die Witwe. Sie geht schnurstracks zum Opferkasten, überlegt nicht lange und tut ihren ganz kleinen Beitrag da hinein. Ja, es liegt sogar Stolz und Würde darin, wenn sie sich mit dem vergleichbar kleinen Betrag an den Opferkasten wagt, mitten unter die kritischen und verächtlichen Blicke der anderen. Mit so wenig und doch mit allem, was sie hat, tritt sie nicht nur in den Tempel, sondern an den Ort, wofür er steht: Sie stellt sich unter den Schutz Gottes. Ihr Opfer vor Gott, an Gott und bei Gott soll ihm und aller Welt deutlich machen:

Auch ich stehe unter seinem Schutz. Auch ich habe Anteil an Gottes Macht und Kraft. Ich bin auch in schwierigen Situationen nicht allein. Darauf vertraue ich ganz fest. Deshalb gebe ich alles, was ich habe, aus meiner Hand, und gebe mich ganz in seine Hand, mit dem Wenigen, was ich habe, aber mit allem, was ich bin. In Jesu Augen, tut sie, die Kleine, etwas ziemlich Großes.

In Jesu Augen. Kein Wunder, dass Jesus diese Szene gleich begeistert seinen Freunden erzählt. Die Einstellung der Witwe passt sehr gut zu seinem Gottesbild. Sein ganzes Leben war darauf ausgelegt, den Menschen ihre Fixierung auf das Materielle zu nehmen. Wie ein roter Faden zieht sich das durch seine Geschichten und Gleichnisse. Wenn etwa die „Lilien auf dem Felde“ stehen oder die „Vögel unter dem Himmel“ fliegen. Sie sammeln nichts, aber der himmlische Vater ernährt sie doch. Und mit der Bitte um das tägliche Brot, das uns heute gegeben werde, sollen wir uns auf das konzentrieren, was wir jetzt gerade brauchen. Das ist für manche schon schwer genug.

Die Witwe wagt es. Sie vertraut Gott. Man könnte sagen, sie hat gar keine andere Wahl. Aber damit würde man ihr Unrecht tun. Sie geht hin zum Tempel und gibt mit Gottvertrauen von dem Wenigen das Meiste. Damit tritt sie vor alle hin, vor die Reichen und Schlauen, vor die Besserwisser und Moralapostel, so als wollte sie ihnen sagen:

Ich war’s – ich habe einfach meinem Gott vertraut.
Ich war’s – ich habe mich nicht abgefunden mit meinem Elend.
Ich war’s – ich habe Verantwortung übernommen für mich und mein Leben.

Und wenn wir genau hinhören, können wir auch zwischen den Zeilen hören, wie es vom Ich war’s zum Ich bin’s kommt:

Ich bin’s – ich habe Hoffnung auf ein anders Leben.
Ich bin’s – ich finde mich nicht ab mit eurer Mathematik der absoluten Summen.
Ich bin’s – mit meinem beziehungsweisen Beitrag durchkreuze ich eure Logik der Selbstüberschätzung.

Kein Wunder, dass Jesus seine Freude an ihr hatte. Aber die Witwe steht zuletzt auch für Jesus selbst, der das gelebt hat. Wenige Verse nach dieser Geschichte beginnt Jesu Leidensgeschichte, der sein ganzes Leben für viele gibt. Im Verhalten der Witwe sieht Jesus sein Leben und Sterben, mit dem Gott auf einzigartige Weise noch einmal zeigt, auf wessen Seite sie steht. Gerade indem wir zu dem Vielen oder Wenigen, also zu dem stehen, was wir sind und wer wir von Gott her sind, werden wir – wie die Witwe, wie Jesus selbst – erfahren: Aus Hingabe erwächst neues Leben.

Was aber heißt Hingabe? Schnell melden sich da noch negative Gefühle. Hingabe wird häufig mit Aufopferung verwechselt. Hingabe? Was das heißt, können wir von den Kindern lernen – wie so vieles. Unverkrampft und ohne große Berührungsängste geben sie sich einem Spiel, einer Begegnung oder einer Entdeckung hin! Dann leben sie ganz im Augenblick konzentriert auf eine Sache oder eine Person. Sie geben sich hin.

Hingabe – wie die Witwe ihr Scherflein dahin gibt. Wie Jesus sich selbst dahin gibt. Im Vertrauen auf Gott. Und so übe ich auch die Hingabe in dieser Fastenzeit. Mit dieser Geschichte im Rücken kann ich tatsächlich öfters einmal sagen: Ich war’s.

Amen.

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