Weihnachten ist immer (2. Kor 12,9)

Jahreslosung 2012:

„Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“.

Frohe Weihnachten! Ja, richtig gehört: Frohe Weihnachten wünsche ich Euch allen. Was? Ihr meint, ich sei ein wenig zurückgeblieben im Jahr? Ist doch längst rum, sogar das neue Jahr hat schon angefangen? Weihnachten ist noch gar nicht so lang her. Manchmal kommt es mir so vor, als ob der Duft von Lebkuchen und Glühwein noch durch die Stadt schwebt. Aber der Rummel ist vorbei, die Weihnachtsmärkte sind abgebaut, die Plätze wieder leer und auch die Menschen wirken in gewisser Weise nüchtern.

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber nach den Adventswochen und dem Weihnachtstrubel war ich doch froh, dass nun wieder der Alltag Einzug gehalten hat. Jetzt hat das neue Jahr begonnen, und heute feiern wir gemeinsam „Tet“, das vietnamesische „Fest des ersten Morgens“. Im Festkreis ist es nicht nur in Deutschland so, sondern auch in Vietnam: auf Weihnachten folgt ein neues Jahr.

Und doch können wir uns auch im neuen Jahr immer noch und immer wieder „Frohe Weihnachten“ wünschen. Denn Weihnachten geht ja weiter, ist nicht auf das Fest im Dezember beschränkt. Weihnachten können wir als Christinnen und Christen an jedem Tag feiern, das ganze Jahr hindurch.

Die Geschichte vom Kind in der Krippe, das auf der Durchreise und in ärmlichen Verhältnissen  geboren wird, ist ganz aktuell. Als kleines Kind mit Migrationshintergrund, aber ohne festen Platz in der Gesellschaft, wird Gott ein Mensch und kommt uns damit so nahe wie es nur geht.

Schutzlos dieser Welt und ihren Mechanismen ausgesetzt, verletzlich und hilflos, bald schon verfolgt und gejagt. Er wird geboren in eine Welt, in der die Mächtigen danach streben, immer mächtiger zu werden und dafür sorgen, dass die Schwachen schwach bleiben. Wo das Recht des Stärkeren gilt, wo die Reichen und Schönen den Ton angeben – ohne Rücksicht auf Verluste.

Mitten in diese Welt hinein kommt Gott. Der allmächtige Gott, Herr der Heerscharen und König aller Königreiche, er macht sich ganz klein und bringt den Himmel auf die Erde. Der Starke macht sich selbst schwach, um all denen nahe zu sein, die sich selbst für zu klein und schwach halten.

Selten hat eine Jahreslosung so nahtlos an die Weihnachtsgeschichte angeknüpft wie in 2012. „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“. Dieses Wort zitiert der Apostel Paulus im 2. Korintherbrief, 12. Kapitel.

„Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“. Das wurde Paulus gesagt vom auferstandenen Christus, als er darum betete, dass seine körperlichen Gebrechen, seine eigene menschliche Brüchigkeit von ihm genommen werden möge. Paulus war kein besonders schöner Mensch. Er litt vermutlich an Epilepsie, hatte schreckliche Anfälle und war manchmal tagelang außer Gefecht gesetzt. Diese Schwachheit hatte er irgendwann satt und bat Gott um Erlösung.

„Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“. Die Antwort des Auferstandenen ist eine Verheißung und zugleich eine Erinnerung, eine Erinnerung eben an Weihnachten. Es ist eine Verheißung für uns alle. Für Große und Kleine, Kranke und Gesunde, Alte und Junge. Was das neue Jahr für jede und jeden Einzelnen von uns persönlich bringen wird, ist noch verborgen.

Die großen Herausforderungen in der Politik zeichnen sich aber schon ab: Der schwache Euro und die starken Ratingagenturen machen z.B. auf sich aufmerksam. Ich bin kein Finanzexperte, aber aus den Nachrichten bekomme ich genau dieses Bild vermittelt und zugleich spüre ich die Ohnmacht der Politiker, daran irgendetwas ändern zu können.

Ganz ähnlich geht mir es mit dem Klimawandel. Viele höre ich sagen: „Ich bin doch viel zu klein und zu schwach. Was kann ich schon ausrichten? Wir müssen uns wohl damit abfinden.“ Herbstwetter im Winter und Inseln, die im Meer versinken. Was bringt es da, wenn ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre statt mit dem Auto? Als einzelne sind wir doch viel zu schwach. Da kann man doch nur resignieren.

Auch die immer neuen Enthüllungen der Umtriebe aus der rechtsextremen Szene in Deutschland geben Grund zur Sorge. Da nehmen sich vermeintlich Starke das Recht heraus, ihrer menschenverachtenden Vorstellungen freien Lauf zu lassen und töten andere; Menschen, die anders denken, die vielleicht anders aussehen, die einer ethnischen Minderheit angehören oder einer anderen Religion vertrauen.

Diesen rassistischen Ideologien müssen wir auch als Christinnen und Christen entschieden widerstehen, in Deutschland, in Vietnam, überall auf der Welt. Auch wenn wir uns vielleicht nicht stark genug dafür fühlen und uns von der Gewalt einschüchtern lassen: Die Kraft Jesu wird gerade dann in uns mächtig, wenn wir uns für Gerechtigkeit und Menschenwürde einsetzen.

„Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“. Wie hören wohl Christen diesen Bibelvers, die in Vietnam bedrängt und diskriminiert werden? Wenn das dortige Regime Menschenrechtsaktivisten bedroht und ihnen das Gefühl der Schwachheit gibt, dann können auch sie aus der Jahreslosung neuen Mut schöpfen. Denn das Christuswort dreht die Verhältnisse der Welt um. Schwache und schwach Gemachte erhalten bei Gott eine besondere Würde. In ihnen, und zwar genau in ihnen, wird die Kraft Jesu mächtig.

Die Kraft Jesu: Das ist keine Kraft, die mit Waffen und Gewalt Menschen unterdrückt. Keine Kraft, die das Recht des Stärkeren zementiert oder das „survival oft he fittest“. Die meint, mit Geld kann man alles und jeden kaufen.

Nein, die Kraft Jesu ist vielmehr eine Kraft, die Wunden heilt, Versöhnung schenkt und Gemeinschaft herstellt.

Es ist die Kraft, die scheinbar verloren geglaubte Menschen nicht aufgibt.

Es ist die Kraft des Gekreuzigten, der durch den Tod geht, um ihn zu besiegen.

Eine Kraft, mit der wir auch auf brüchigen und krummen Lebenswegen ans Ziel gelangen können.

Es ist die Kraft, die uns ermutigt, die Fragmente unseres Lebens zu ertragen und darin sogar noch etwas Gutes zu sehen.

Henning Luther, ein leider viel zu früh verstorbener Theologe, hat dafür ein wunderschönes Bild gefunden: das Fragment. Fragmente können in die Vergangenheit oder in die Zukunft weisen. Sie können Ruinen, Überreste sein und von einer vergangenen Zeit zeugen. Oder sie sind unvollendete Werke, die ihre endgültige Form noch nicht erhalten haben. Dadurch weisen sie über sich hinaus auf ihre Vollendung hin.

Wir Menschen sind alle Fragmente. Dafür sorgt schon der Tod, der die Zahl unserer Tage auf Erden begrenzt. Durch ihn wird alles Leben zum Bruchstück. Henning Luther formuliert es so:

„Wir sind immer zugleich (…) Ruinen unserer Vergangenheit, Fragmente zerbrochener Hoffnungen, verronnener Lebenswünsche, verworfener Möglichkeiten, vertaner und verspielter Chancen. Wir sind Ruinen aufgrund unseres Versagens und unserer Schuld ebenso wie aufgrund zugefügter Verletzungen und erlittener und widerfahrener Verluste und Niederlagen. (…)

Andererseits ist jede erreichte Stufe unserer Ich-Entwicklung  immer nur ein Fragment aus Zukunft. Das Fragment trägt den Keim der Zeit in sich. Sein Wesen ist Sehnsucht. Es ist auf Zukunft aus. (…) Erst wenn wir uns als Fragmente verstehen, erkennen wir unser Angewiesensein auf Vollendung.“
(Henning Luther, Identität und Fragment, in: ders. Religion im Alltag. Bausteine zu einer Praktischen Theologie des Subjekts, Stuttgart 1992, S. 168f.)

Als Fragmente sind wir offen für unsere Vollendung. Als Schwache können wir die Kraft Jesu in uns überhaupt erst entfalten. Wer meint, selber stark genug zu sein, hat sich selbst abgekoppelt von der Gnade Gottes.

Es ist ein mehrdeutiges Verhältnis zwischen Schwachheit und Kraft, wie es uns die Jahreslosung im wahrsten Sinne des Wortes „zumutet“. Sie schenkt uns den Mut, unsere eigene Schwäche zu erkennen und anzunehmen. Denn das ist alles andere als leicht. Es braucht wirklich Mut und Ehrlichkeit mit sich selbst, um zu erkennen, wo die eigenen Schwächen liegen. Und zugleich macht Christus uns Mut, die bestehenden Verhältnisse nicht so hinzunehmen wie sie sind. Die Sehnsucht nach Zukunft, die aus den Fragmenten aufscheint, sie ist auch eine Sehnsucht nach Veränderung, nach mehr Gerechtigkeit und Gnade.

In den Schwachen wird die Kraft mächtig, sie lässt uns jeden Tag neu Aufstehen gegen das Unrecht. Ob beim Mobbing am Arbeitsplatz oder in der Schule, ob beim Einkaufen oder im Gespräch mit Nachbarn, es gibt viele Möglichkeiten, mit ganz wenigen Mitteln etwas zu verändern, ja den Unterschied zu machen. Manchmal ist es nur ein kurzer Blickwechsel in der Straßenbahn, ein kaum erkennbares Lächeln, das etwas bewirken kann. Zumindest ein Anfang wird gemacht.

„Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“. Das ist eine kleine aber feine Zusammenfassung dessen, was Weihnachten für uns, für die Welt bedeutet. Mit dem kleinen, schwachen Kind kommt der Himmel auf die Erde. Möge dieses Menschenskind und Gottessohn uns immer wieder die Augen für das Schwache und Unscheinbare öffnen und die Kraft zur Veränderung der Welt wachsen lassen.

So können wir uns heute nicht nur ein gutes neues Jahr wünschen, sondern auch: „Frohe Weihnachten!“ Die Kraft Jesu bleibt in den Schwachen mächtig.

Amen.

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