Solidarität am eigenen Leibe (1. Kor 12,26)

Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit.

Es ist ein Sonntagmorgen wie jeder andere auch: Wir sind zur Kirche gekommen, haben es uns in der Bank so gut es geht gemütlich gemacht, Bekannte begrüßt und uns eingestimmt auf diesen Gottesdienst. Wir haben schon wunderschöne Musik gehört, auch die Orgel mit ihren vertrauten Klängen. Zur Liturgie und den Gebeten gesellen sich die Schriftlesungen aus der Bibel. Und nun erwartet ihr mit Recht eine Predigt, die Euch etwas Erhellendes über Gott und die Welt bietet.

Ein ganz normaler Sonntag also. Oder doch nicht?

Das, was wir für selbstverständlich nehmen, ist für viele Christinnen und Christen in anderen Ländern eine gefährliche Angelegenheit. Schon der Weg zur Kirche kann ein unangenehmes Abenteuer werden. Immer wieder gibt es Berichte über blutige Angriffe auf Gläubige, die sich zum Gottesdienst versammeln. Vielleicht erinnert ihr euch noch an die Nachrichten aus Nigeria letzte Weihnachten, als bei Anschlägen auf Kirchen zahlreiche Christen ums Leben kamen. Sie wollten einfach miteinander im Gottesdienst die Geburt Jesu feiern und dienten damit Terroristen als Zielscheibe.

Nigeria, Irak, Nordkorea, in vielen Ländern wird es immer schwerer, den christlichen Glauben offen zu leben. Neben der brutalen Gewalt werden Christinnen und Christen auf ganz unterschiedliche Weise bedrängt. Manchmal sind es Schikanen von Behörden, die eine Baugenehmigung für ein neues Gemeindehaus aus fadenscheinigen Gründen ablehnen. In manchen Ländern ist es Christen überhaupt verboten, eigene Kirchen zu errichten oder Gebäude zu kaufen. Auch wenn Andersgläubige mit dem Evangelium in Berührung kommen und sich dem Christentum zuwenden wollen, wird das in einigen islamisch geprägten Ländern unter Strafe gestellt. Bekehrung verboten.

Man sollte meinen, dass solche Dinge in unserer Zeit nicht mehr vorkommen, aber die Realität sieht leider anders aus. Das Recht auf Religionsfreiheit wird  auch in unserer Zeit oft verletzt. Meistens dort, wo es um die Menschenrechte generell nicht zum Besten steht, dort, wo es keinen Rechtsstaat nach unseren Maßstäben gibt, dort leiden Christinnen und Christen unter der Einschränkung ihrer Grundrechte. Und nicht nur sie, sondern auch andere religiöse Minderheiten sind davon betroffen. Dabei gehört die freie Religionsausübung oder das Recht, seine Religion zu wechseln, zu diesen Grundrechten, wie sie etwa in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen oder in der Europäischen Menschenrechtskonvention formuliert sind.

Doch nicht immer werden Christinnen und Christen aufgrund ihres Glaubens diskriminiert, bedrängt oder verfolgt. Gerade im Mittleren Osten, wo es starke fundamentalistische und terroristische Gruppen gibt, da wird das Christentum gern als „Religion des Westens“ gesehen. Der Hass gegen Amerika und seine Soldaten, ja der Hass auf alles, was mit dem westlichen Lebensstil zu tun hat, er entlädt sich oft gegen die Angehörigen christlicher Minderheiten.

Natürlich, in vielen Konflikten geht es um Religion. Aber nicht nur das. In Nigeria zum Beispiel geht es auch um Geld, viel Geld, und um Bodenschätze wie Öl, um politischen Einfluss und um die Armut vieler Menschen. Und oft haben die Probleme zwischen den Religionen geschichtliche Wurzeln. Der christliche Süden Nigerias steht gegen den muslimischen Norden und auf beiden Seiten kommt es zu Übergriffen und Gewalt. Diese regionale Trennung der Religionen geht auf die englischen Kolonialherren zurück, die damit das Land ursprünglich befrieden wollten.

Auch wenn nicht immer der Glaube auschlaggebend ist, so kann uns das Schicksal unserer bedrängten Glaubensgeschwister nicht einfach kalt lassen. Auch wenn das Unrecht viele tausend Kilometer von uns entfernt geschieht. Auch wenn es sich in den seltensten Fällen um evangelische Kirchen nach unserem Verständnis handelt.

Schon der Apostel Paulus hat die besondere Verbindung von Christinnen und Christen untereinander betont. Sie führt sogar so weit, dass „wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit.“ (1. Kor 12,26) Wir sind alle Glieder am Leib Christi und wir leiden mit.

Aus diesem Grund hat die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland vor einiger Zeit beschlossen, dass regelmäßig für bedrängte und verfolgte Christen in der Welt gebetet werden soll. Seit drei Jahren wird allen evangelischen Kirchengemeinden in Deutschland nun empfohlen, am 2. Sonntag der Passionszeit, also auch heute, an Brüder und Schwestern zu denken, die wegen ihres Glaubens diskriminiert werden, unterdrückt, bedroht, verletzt oder gar getötet. Jedes Jahr wird dabei ein Land oder eine Region beispielhaft in den Vordergrund gestellt. In diesem Jahr ist es die so genannte Maghreb-Region, also die Länder Tunesien, Marokko und Algerien, wo die christlichen Minderheiten einen schweren Stand haben. In allen drei Ländern ist höchstens ein Prozent der Bevölkerung christlich. Vergleicht das einmal mit den immerhin noch 60 % in Deutschland, die einer christlichen Kirche angehören!

Alle drei Länder waren bis in das 20. Jahrhundert hinein französische Kolonien, was man bis heute merkt. So kommt es auch, dass die Mehrheit der Christinnen und Christen dort französischen Ursprungs ist und gemeinsam mit anderen französisch-sprachigen Ausländern aus Afrika die „Kerngemeinde“ bildet. Die evangelischen Kirchen dieser Länder sind offiziell anerkannt und dürfen sogar eigene Kirchengebäude haben. Aber es gibt immer wieder Schwierigkeiten mit den Behörden.

In den Ländern des Maghreb hat der Islam den Status einer Staatsreligion. Deshalb ist der Übertritt von Muslimen zur christlichen Religion verboten. Trotzdem gibt es seit einigen Jahren immer wieder Bekehrungen, vor allem zu neueren evangelikalen oder charismatischen Kirchen. In manchen Fällen wurden ausländische „Missionare“ ausgewiesen oder angeklagt, weil sie bestimmte Vorschriften nicht beachtet hatten. Ohne eine offizielle Registrierung gibt es keine Erlaubnis, ein kirchliches Gemeindeleben aufzubauen, aber diese Registrierung wird nicht transparent gemacht und ist von staatlicher Willkür geprägt.

Die Massenproteste gegen die etablierten Regimes in Nordafrika, die im Dezember 2010 in Tunesien ihren Anfang nahmen, haben heute die ganze Maghreb-Region erfasst. In Marokko wurde daraufhin eine neue Verfassung verabschiedet, während in Algerien politische Reformen eingeleitet wurden. Auch wenn in der Folge des „arabischen Frühlings“ überall muslimisch geprägte Parteien an Einfluss gewinnen und in Tunesien und Marokko die Parlamentswahlen gewinnen konnten, ist noch nicht abzusehen, welche Konsequenzen das alles für die christlichen und anderen Minderheiten haben wird. Ihr Lage bleibt angespannt.

„Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit.“ Dieses Pauluswort gilt für die Kirchen in Nordafrika. Und es gilt genauso für Youcef Nadarkhani. Vielleicht habt Ihr schon von seinem Schicksal gehört, es macht gerade auch in der deutschen Öffentlichkeit die Runde. Youcef Nadarkhani ist ein freikirchlicher Prediger aus dem Iran. Ein bekehrter Muslim, der sich für die freie Religionsausübung von Christen in seinem Land engagiert hat. Im September 2010 wurde er wegen des „Abfalls von Islam“ zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde 2011 noch einmal bestätigt. Mittlerweile setzen sich viele Kirchenleute, Politikerinnen und Politiker sowie Amnesty International dafür ein, dass das Todesurteil gegen ihn aufgehoben und er freigelassen wird.

Auch die Evangelische Kirche in Deutschland ist schon mehrfach für ihn eingetreten und hat gegenüber den iranischen Machthabern seine Freilassung gefordert. Zur heutigen Fürbitte für bedrängte und verfolgte Christen hat der Ratsvorsitzende der EKD, Präses Nikolaus Schneider, alle evangelischen Gemeinden dazu aufgerufen, für Herrn Nadarkhani zu beten. Wir werden das in der Fürbitte nach dem Abendmahl aufnehmen.

Wenn ein Glied leidet, wie können alle andere Glieder mitleiden? Man kann sich beteiligen an Briefaktionen von Amnesty oder die Politiker vor Ort bitten, sich einzusetzen. Und manchmal ist ein Gebet das Einzige, was man direkt tun kann. Es scheint nicht viel zu sein, aber es ist doch ein starkes Zeichen. Denn in der Fürbitte bringen wir die Sorgen unserer Welt vor Gott – in der Hoffnung, dass sie nicht im leeren Raum verhallen, sondern gehört werden. Indem wir für unsere bedrängten Geschwister im Glauben beten, sind wir solidarisch.

Die Passionszeit lehrt uns schließlich, dass Gott im Leiden nicht fern ist. In dem Mann aus Nazareth hat sich Gott all derer angenommen, die verspottet und verachtet werden, die im Gefängnis sitzen und wegen ihres Glaubens Unrecht erleiden müssen. Ja, der Blick aufs Kreuz, der in den sieben Wochen vor Ostern immer klarer wird, hilft uns zu erkennen, dass Gott am Ende alle ins Recht setzen wird, die zu Unrecht verfolgt und verurteilt werden. Gerechtigkeit ist ein Name Gottes. Darauf lasst uns hoffen, für uns, für die Verfolgten aller religiöser Minderheiten, ja für die ganze Welt.

Amen.

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