Wegweiser aus dem Dschungel (1. Petr 5,5-11)

Desgleichen ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter. Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit. Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen.
Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

 

„Sorge dich nicht, lebe!“ heißt der Bestseller von Dale Canergie, den man vermutlich in den meisten deutschen Haushalten findet. Natürlich steht er auch im Bücherregal meiner Eltern, seit fast 25 Jahren.
Das Buch verspricht seinen Leserinnen und Lesern „ein von Ängsten und Aufregungen befreites Leben“, mit praktischen Tipps, die man angeblich direkt im Alltag anwenden kann.
Doch neben diesem bekannten gibt es noch unzählige andere Ratgeber. Ja, es gibt einen riesigen Markt für solche Psycho-Literatur, Bücher, CDs, Videos, Internetforen. Bei allen geht es um ein unbesorgtes Leben. Wie können wir unsere Einstellung zu unseren Mitmenschen und den Dingen des Alltags so verändern, dass wir nicht immer von Sorgen geplagt werden? Solche und ähnliche Fragen findet man dann im Klappentext dieser Bücher.

Scheinbar ist da ein großer Bedarf für solche Wegweiser aus dem Dschungel der Sorgen. Vor allem bei uns in Deutschland. Eine Studie hat schon 2013 – also noch vor der so genannten Flüchtlingskrise – festgestellt, dass sich die Deutschen die meisten Sorgen machen. Ja, wir sind richtige Europameister im Sorgen machen!
Die Probleme sind zwar überall in Europa die gleichen: Inflation, Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrise, Integration von Flüchtlingen, Fragen nach der eigenen Zukunft. Aber während unsere nördlichen Nachbarn bei all dem meist einen kühlen Kopf behalten und die Leute im Süden statt darüber zu grübeln einfach auf der Piazza sitzen, machen wir uns in Deutschland viele und komplexe Sorgen. Und das interessanterweise, obwohl Deutschland bei vielen der Probleme weit besser dasteht als der Rest Europas.

Und dann höre ich den Ruf es dem 1. Petrusbrief: Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.

Das ist doch eine ganz schöne Zumutung! Alle eure Sorge werft auf ihn! Wenn das nur immer so einfach ginge! Als würden wir uns nur Sorgen um unwichtige Dinge machen, von denen man sich so leicht trennen kann. Neben den großen öffentlichen Problemen gibt es nämlich genug anderes, was jedem und jeder einzeln Sorgen bereiten kann:

Ist mein Job noch sicher, wenn ich in Elternzeit gehe? Warum meldet sich die gute Freundin nicht auf meine Nachricht? Wird das Geld bis zum Ende des Monats reichen? Und wegen des brauen Flecks auf der Haut wollte ich schon längst zum Hautarzt gegangen sein! Wie kann ich meinem Kind helfen, damit es nicht mehr so große Probleme in der Schule hat?

Das sind doch alles ernsthafte Dinge, die einen beschäftigen und die eben immer wieder dafür sorgen, dass wir uns Sorgen machen. Da kann man doch nicht einfach alle Sorgen auf ihn werfen. Oder doch? Wie geht das überhaupt „Sorgen werfen“? Das soll mir mal einer erklären. Ich war im Werfen noch nie besonders gut. Und dann muss man ja auch noch treffen, also die Sorgen nicht einfach irgendjemandem vor die Füße werfen, sondern „auf Gott“.
Und selbst dann? Sind dann alle Sorgen weg? Aufgelöst in Wohlgefallen? Schwer vorstellbar…

Als hätte wir damit noch nicht genug: Der Petrusbrief geht sogar noch weiter. Bevor wir aufgefordert werden, unsere Sorgen auf Gott zu werfen, steht noch eine andere Zumutung im Text.
Denn dort heißt es ja: „ Alle miteinander haltet fest an der Demut, denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.“ Erst dann kommt der berühmte Satz, der so manche kitschige Postkarte ziert: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“

„Haltet fest an der Demut.“ Demut, das ist heute ein schweres Wort. Vielleicht war das früher mehr verbreitet. Das wissen vielleicht die Älteren von uns besser. Aber heute? Demut – wir sollen uns selbst demütigen „unter die gewaltige Hand Gottes“.

Ehrlich gesagt, ich habe damit so meine Schwierigkeiten. In einer Welt, in der so viele Menschen gedemütigt werden, Frauen – von gewalttätigen Männern und Ehemännern, Kinder – von skrupellosen Erwachsenen, ja und sogar Gott – denn wo immer Menschen verhungern, verfolgt und drangsaliert werden, wo Menschenwürde mit Füßen getreten wird, da wird auch Gott gedemütigt!

In einer Welt voller Demütigungen habe ich echt meine Probleme, wenn in der Bibel die Demütigen auf den Sockel gestellt werden. Eigentlich, so denke ich, sollte es besser heißen: den Gedemütigten gibt Gott Gnade, also jenen, denen Unrecht widerfährt. So wie Jesus, der am Kreuz bis in den Tod gedemütigt wurde und von Gott wieder ins rechte Licht gesetzt. Aber ein Predigttext ist kein Wunschkonzert, es heißt dort (übrigens auch im griechischen Original) ganz klar: den Demütigen gibt Gott Gnade.

Demütig kann ich nur selber werden. Aus freien Stücken. Wenn ich mich selbst nicht so wichtig nehme, ja mich etwas zurücknehme, wenn ich nicht denke, dass ich der einzige bin auf der Welt, der Probleme hat. Oder auch gerade angesichts des Elends und der Not von anderen kann ich demütig werden. Da muss ich mich nur in der Nachbarschaft oder der Verwandtschaft umhören. Und wem das nicht reicht, der kann einfach mal die Nachrichten verfolgen, die einem tagtäglich vor Augen führen, wie gefährdet und bedroht diese Welt ist.

Insofern hat eine demütige Haltung vielleicht nicht soviel zu tun mit Selbstdemütigung, sondern ist tatsächlich ein Weg, um nicht von meinen eigenen Sorgen aufgefressen zu werden.

Vielleicht ist das so eine Art biblischer Alltagsratgeber: Sich demütigen unter die gewaltige Hand Gottes, also: darauf vertrauen, dass da einer ist, bei dem ich gut aufgehoben bin. Mit meinen Fragen und Ängsten, mit allem, was man gemeinhin als „gescheitert“ bewertet, mit meinen Brüchen im Leben, ja mit allen meinen Sorgen bin ich bei ihm gut aufgehoben.

Das ist ja auch eine Kernerfahrung, die wir in den Psalmen nachlesen können. Da werden Gott Dinge geklagt, dagegen sind manche meiner Alltagssorgen wirklich kleinteilig. In vielen Psalmen werden die Sorgen auf Gott geworfen, ja fast geschmissen.
Und dann sind sie nicht einfach weg, aufgelöst, das nicht! Die Betenden in den Psalmen wissen das. Aber sie machen diese Erfahrung: Wer auf Gott seine Sorgen wirft, kann aufatmen, spürbar befreit von einer Last. Das ist ein bisschen auch wie sonst im Leben: Wer seine Sorgen teilt, bleibt damit nicht allein und kann sich Luft verschaffen.

Dann erscheint unser Gott nicht wie ein überdimensionaler Sorgenfresser, sondern eher wie eine gute Freundin, der wir uns mit unseren Sorgen anvertrauen. Ich glaube, „sich Anvertrauen“, das ist eine heute angemessene Übersetzung von „sich Demütigen“. Denn wer sich einem anderen anvertraut, der hat eingesehen, dass er alleine mit seinen Sorgen nicht fertig wird. Der ist eben nicht so hochmütig zu meinen, dass er (oder sie) das alles schon irgendwie geregelt bekommt.

So betrachtet, ist Gott dann vielleicht so etwas wie eine Hilfe zum sorgenfreien Leben. Wo andere den Carnegie-Bestseller kaufen, können wir es so versuchen: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“

Und so sorgt Gott für uns: Mit offenen Ohren, jederzeit und überall. Gott hört uns, auch und besonders die unausgesprochenen Sorgen, die mir bei anderen Menschen vielleicht nicht gleich über die Lippen kommen. Ich kann es ausprobieren, im Gebet, in der Stille, aus meinem Herzen die Sorgen auf ihn werfen. Das klappt – und ich muss noch nicht einmal genau zielen.

Amen.

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