Himmlische Staatsbürger (Phil 3,17.20-21)

17 Folgt meinem Vorbild,
Brüder und Schwestern!
Nehmt euch ein Beispiel an denen,
die so leben,
wie ihr es an uns beobachten könnt.
20 Wir haben schon jetzt Bürgerrecht im Himmel.
Von dort her erwarten wir auch den Retter,
den Herrn Jesus Christus!
21 Er wird unseren armseligen Leib verwandeln,
sodass er seinem eigenen Leib gleicht –
dem Leib, der die Herrlichkeit Gottes
sichtbar werden lässt.
Dazu hat er die Macht –
wie er auch die Macht hat,
sich alles zu unterwerfen.   (Basisbibel)

 

So ein Pass ist eine feine Sache: mit ihm im Gepäck kann man gut reisen. Innerhalb Europas reicht dafür sogar meistens der Personalausweis, zumindest in der EU. Und in diesen Tagen, da an den Grenzen und auf Flughäfen wieder verstärkt kontrolliert wird, zeigt sich, was man an einem solchen Ausweis hat: Er hilft mir dabei, weiterzukommen, etwa auf dem Weg in den Urlaub oder ein anderes Ziel zu erreichen. Und wehe, er geht verloren, der Pass!

Z.B. auf der Flucht: Wenn Familien schnell das Nötigste zusammenpacken, um aus dem Kriegsgebiet rauszukommen. Und dann geht der Pass im ganzen Chaos verloren. Viele Flüchtlinge müssen auf ihrer Reise ihre Pässe auch wegwerfen, weil die kriminellen Schlepper das verlangen.

Und wenn der Pass erst einmal weg ist, kann man nicht mehr beweisen, wer man eigentlich ist. Denn so ein Pass sagt ja doch einiges über mich aus: Drin stehen meine wichtigsten Daten: Name und Geburtsdatum, auch ein meist nicht sehr vorteilhaftes Bild ist dabei. Und der Pass nennt meine Staatsbürgerschaft. Bei mir steht z.B. drin „deutsch“, bei anderen vielleicht „Nederlands“, „British“ oder „Polska“.

Klar kann man sich fragen, ob das wirklich viel bedeutet. Was ist schon „deutsch“ und was „niederländisch“? Aber bevor wir hier mit Vorurteilen und Stereotypen anfangen: die Staatsbürgerschaft sagt in der Regel etwas darüber aus, wo ein Mensch geboren ist, oder wo er zuhause ist. Menschen, die länger in einem anderen Land leben, können nach einer bestimmten Zeit die Staatsbürgerschaft dieses anderen Landes beantragen.

Ihr, liebe neue Konfirmandinnen und Konfirmanden, habt vielleicht noch nicht mal alle einen Pass, höchstens einen Kinderausweis. Und trotzdem habt ihr alleine eine Staatsbürgerschaft. Nein, ihr habt sogar zwei Staatsbürgerschaften! Die eine, das ist die irdische, also ich glaube bei allen von euch ist das die deutsche. Eben das, was in so einem Pass auch drinsteht.

Die andere aber, das ist die, von der wir vorhin in der Schriftlesung gehört haben: Ja, Christinnen und Christen haben noch eine andere Staatsbürgerschaft, eine himmlische Staatsbürgerschaft. Oder mit den Worten von Paulus: „Wir haben schon jetzt ein Bürgerrecht im Himmel. Von dort her erwarten wir auch den Retter, den Herrn Jesus Christus!“

Wir, die wir hier heute morgen sitzen, haben ein also „Bürgerrecht im Himmel“. Das heißt schlicht und einfach: wir gehören zu Gott.

Das heißt, wir vertrauen Jesus, der so besonders war, dass die Leute ihn „Gottes Sohn“ genannt haben. Er hat für alle Menschen ein Bürgerrecht im Himmel – also diese Staatsbürgerschaft -besorgt, indem er ziemlich verrückte Sachen gemacht hat:

Er hat einsamen Menschen zugehört, hat mit Finanzbeamten Abendbrot gegessen, Blinden in die Augen geschaut, mit Verzweifelten Händchen gehalten und Leute mit echt ekligen Krankheiten angefasst. Sie alle wurden dabei „heile“. Sie alle haben gespürt: von diesem Jesus geht eine große Kraft aus, eine himmlische Kraft, die etwas in ihrem Leben wieder geraderückt.

Und dieser Jesus war ziemlich konsequent bei dem, was er tat. Er wusste, dass er mit seiner Art, mit seinen Worten und seiner riesengroßen Liebe früher oder später Probleme bekommen würde. Denn die Mächtigen sehen es nicht gerne, wenn andere beliebter sind als sie. Ihnen war dieser Jesus nicht geheuer. Und deshalb musste er weg, der Sohn Gottes. Ans Kreuz geschlagen, ins Grab gelegt und die Mächtigen hatten endlich wieder Ruhe im Karton.

Jesus wusste, dass es so kommen würde, wenn er nicht aufhört zu heilen und zu predigen. Aber er blieb konsequent. Er stand zu seiner Botschaft, zu seinen Taten und zu seiner Vision, dass für Gott nichts unmöglich ist, dass Gott alle Menschen als seine Geschöpfe liebt. Ja, dass sie alle das Recht auf ein gutes Leben haben. Nicht erst später, im Jenseits, am Sankt Nimmerleinstag, sondern jetzt und hier. Dafür ist Jesus sogar gestorben – aber seine Botschaft ging weiter. Und seine Liebe wurde weitergetragen, die Menschen haben sie immer weitergegeben, haben erzählt und geglaubt, gehofft und gebetet. Bis heute, bis hier, in Steinwedel, in Röddensen, Aligse – und sogar in Kolshorn! So hat Jesus uns ein „Bürgerrecht im Himmel“ besorgt.

Und wie so ein normaler Pass seinen Besitzer mit bestimmten Eigenschaften „ausweist“ (daher auch das Wort „Ausweis“), so beschreibt diese himmlische Staatsbürgerschaft auch ein paar Eigenschaften. Zu Gott gehören, das heißt, dass wir uns nicht zufrieden geben mit dem Recht des Stärkeren und den Gesetzen des Marktes.

Das heißt auch, dass wir uns mit dieser Welt nicht so abgeben, wie sie ist. Wo Arme arm bleiben. Und Reiche immer reicher werden. Dass wir es nicht gleichgültig hinnehmen, wenn Krieg und Terror z.B. in Syrien herrschen und ganze Familien zerrissen werden, vertrieben aus ihrer geliebten Heimat.

Zu Gott gehören, das bedeutet auch, dass wir uns nicht mit einfachen Antworten zufriedengeben und so tun, als ginge uns der Schmerz der anderen nichts an. Wenn jemand etwa traurig ist oder um einen geliebten Menschen trauert, dann ist uns das nicht egal. Manchmal ist es ganz simpel, wie man es dem Vorbild von Jesus nachmachen kann, z.B. wenn man in so einem Moment dem anderen die Hand auf die Schulter legt. Ohne viele Worte, einfach da sei und das Schweigen aushalten: Es ertragen, wenn man manchmal im Leben sprachlos ist. Das ist nicht immer einfach, aber es tut gut und hilft, dass der andere wieder „heile“ wird – zumindest ein bisschen.

Unser Bürgerrecht im Himmel lässt uns ahnen, dass es immer auch anders gehen kann. Das nichts im Leben wirklich „alternativlos“ ist. Als Christinnen und Christen hören wir nicht auf Fragen zu stellen. Ja, manchmal denke ich fast, das wichtigste am Christsein ist das Zweifeln und Fragen, sich Wundern über diese Welt und wie sie laufen soll. Ob in der Schule oder am Arbeitsplatz, in der großen Politik und im Familienalltag. Warum sollen die Dinge immer so bleiben wie sie sind?

Das gilt natürlich auch in einer Kirchengemeinde wie der unseren. Und hier kommt ihr, liebe Vorkonfis ins Spiel: Ihr steigt jetzt voll ein ins Gemeindeleben. Konfiunterricht am Samstagvormittag, aber auch Reinschnuppern in die eine oder andere Gemeindeveranstaltung – ob nun Seniorenkreis oder Fisherman’s Friends. Es gibt hier viel zu entdecken, auch wenn manche von euch sich hier früher schon mal als Kind ganz zuhause gefühlt haben.

Und es gibt viel zu erleben. Alleine und miteinander. Diskutieren und selber denken, sich Gedanken machen über den eigenen Glauben, über die Bibel, ja über Gott und die Welt.

Ihr seid uns genau deshalb in der Gemeinde willkommen. Natürlich so, wie ihr seid. Mit euren Kleidungsstilen und Haarschnitten, mit euren Musikvorlieben und Quatschereien, aber mindestens genauso auch mit euren Fragen und Zweifeln. Was hat es mit diesem Glauben an Gott, mit dieser himmlischen Staatsbürgerschaft auf sich? Und warum sind die Dinge so wie sie sind?

Stellt den anderen in der Gemeinde immer wieder mal diese Frage – natürlich auch dem Pastor oder den Kirchenvorstehern.

Fragen stellen, ja die Dinge infrage stellen, das hat unsere Welt momentan so bitter nötig. Egal wohin man schaut. Und dann tut es gut, wenn man hier und da so ein paar himmlische Staatsbürger trifft, die zwar auch nicht auf alles eine gute Antwort haben, aber die doch ahnen, dass es da noch etwas Anderes gibt im Leben, was „lebendig und echt“ ist.

Vielleicht ist es eben diese Ahnung, die den christlichen Glauben ausmacht. Wenn wir ihr folgen, dann sind wir schon auf einem guten Weg, so zu leben, dass „die Herrlichkeit Gottes sichtbar wird“.

Amen.

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