Erkaltete Liebe aufwärmen (Mt 24,1-14)

Und Jesus ging aus dem Tempel fort und seine Jünger traten zu ihm und zeigten ihm die Gebäude des Tempels.
Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Seht ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.
Und als er auf dem Ölberg saß, traten seine Jünger zu ihm und sprachen, als sie allein waren: Sage uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt?
Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Seht zu, dass euch nicht jemand verführe.
Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen.
Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn es muss geschehen. Aber es ist noch nicht das Ende.
Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort.
Das alles aber ist der Anfang der Wehen.
Dann werden sie euch der Bedrängnis überantworten und euch töten. Und ihr werdet gehasst werden um meines Namens willen von allen Völkern.
Dann werden viele zu Fall kommen und werden sich untereinander verraten und sich untereinander hassen.
Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen.
Und weil die Missachtung des Gesetzes überhandnehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten.
Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig.
Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen.

 

Wieder ist es Advent geworden. Wir haben heute die zweite Kerze angezündet. Überall versuchen die Leute, es sich behaglich zu machen, der Kälte und der Dunkelheit zum Trotz. Die Lichterketten an den Fenstern und vor den Häusern tauchen unseren Ort in ein freundliches Licht.

Ja, Advent ist eine besondere Zeit. Nicht nur wegen des Winters und nicht nur für regelmäßige Kirchgänger. Zwar freue auch ich mich an den alten schönen Liedern, die in der Adventszeit überall erklingen, in den Kirchen, auf den Weihnachtsmärkten, bei den lebendigen Adventskalender…

Aber auch sonst, in ganz kirchenfernen Familien werden alte Bräuche gepflegt: Adventskränze oder Tannengrün waren schon vor zwei Wochen ausverkauft. Und der Einzelhandel hat eine schier unübersichtliche Bandbreite von  Adventskalendern im Angebot: Von Schokolade über Lego City und Playmobil bis hin zu 24 Türchen mit Dosenbier, ist alles zu haben, um sich das Warten zu verkürzen.

Überall warten die Leute auf Weihnachten und das ist ja auch schöne so! Gott kommt in die dunkle Welt und macht sie hell.

Eigentlich will ich in diesen Wochen gar keine Nachrichten verfolgen. Weder im Fernsehen, noch im Internet oder in der Zeitung. Denn da wird mir die dunkle Welt ganz schonungslos vor Augen geführt. Mit allen ihren Brüchen und Scherben. Erdbeben in Italien und Kriegsleid in Aleppo. Populisten auf dem Vormarsch in den USA, in Österreich, Frankreich, auch bei uns. Der raue und manchmal schon menschenverachtende Ton im politischen Streit.

Es gibt wieder mehr Leute, die diese Welt wieder aufteilen wollen in „Wir“ und „die Anderen“, in Freunde und Feinde. Und natürlich ist die Gruppe der Feine viel größer. Ein Milliardär hat damit in Amerika sogar die Präsidentschaftswahlen gewonnen.

Wohin ich auch schaue: Hetze hat Konjunktur und der gesellschaftliche Ton hat sich enorm verschärft, auf Facebook aber auch im Supermarkt. Ziel sind oft Minderheiten, Flüchtlinge, Einwanderer, Schwache, aber auch zunehmend Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften. Einfach Lösungen für komplexe Probleme – das hat schon immer funktioniert! Auch im Advent 2016.

Bei all dem will ich eigentlich gar nicht in die Zeitung schauen. Ich spüre tief in mir drin den Wunsch, mich zurückzuziehen. Ich muss und will mich nicht mit all den Bekloppten auseinandersetzen. Stattdessen lieber eine Tasse Tee und Kekse.

Und dann schaue ich auf den Predigttext. Da ist nicht die Rede von Besinnlichkeit und Kerzenschein. Da geht es echt zur Sache:

Jesus spricht darüber, wie die Welt sein wird, ganz am Ende, wenn er wiederkommt. Das ist schon eine andere Form von Advent – Ankunft. Die ersten Christen haben fest daran geglaubt, dass Jesus wiederkommt, so heißt es ja auch im Glaubensbekenntnis: „Er sitzt zur Rechten Gottes, von dort wird er kommen, zu richten.“

Der Predigttext erzählt von dieser Zeit, bevor Jesus wieder ankommt: Es werden viele auftreten, die uns verführen wollen. Die behaupten, sie hätten die Lösung für alle Probleme. Kriege und Kriegsgeschrei wird es geben. Völker erheben sich gegeneinander, Hass auf allen Seiten. Und die Liebe wird „erkalten“.

Es braucht nicht viel Phantasie, um diese Ankündigung auf unsere Zeit zu übertragen. Wir können diese Liste eins zu eins mit heute vergleichen und die einzelnen Punkte abhaken.

Die Älteren unter uns erinnern sich, dass es auch früher nicht anders war. Auch der Advent vor 30 oder 40 Jahren war keine heile Zeit. Auch damals gab es Krieg und Verführer, gab erkaltete Liebe, die den Flüchtlingen die bescheidene Unterkunft nicht gönnte. Nur damals wusste man vielleicht nicht so viel von den Zuständen woanders. Das ist in der heutigen Zeit mit Internet und sozialen Medien ganz anders.

Ich vermute, durch die Jahrhunderte hindurch hat dieser Text die Menschen im Advent konfrontiert. Konfrontiert mit der harten Realität, die so gar nichts gemein hat mit der Wirklichkeit Gottes.

Die Wirklichkeit Gottes, wo Gott Mensch wird und die Menschen selbst auch wieder menschlicher ticken. Wo der Sabbat für den Menschen da ist und nicht umgekehrt. Wo ein freundliches Wort taube Ohren öffnet und ein liebender Blick Menschen heilt, die blind vor Hass waren. Eine ganz andere Wirklichkeit, in der nicht das Recht des Stärkeren zählt, sondern wo alles, was lebt, mit einer unverletzlichen Würde ausgestattet ist.

Und so werden auch wir konfrontiert. Mitten in unserer adventlichen Komfortzone erinnert uns „Jesu Rede von der Endzeit“ daran, dass unsere Gegenwart ziemlich erlösungsbedürftig, ja ziemlich unmenschlich ist.

Und es macht ja auch Sinn, sich diesen heftigen Worten auszusetzen: Wenn an Heilig Abend wieder vom „Wunder von Bethlehem“ gesprochen wird, wenn in den Krippenspielen der helle Stern erstrahlt und die kindlichen Engel große Freude verkünden, dann ist die harte Realität der Weihnachtsgeschichte ja wieder sorgfältig weggepackt.

Dann vergessen wir wieder leicht, dass die Geschichte in einem zugigen Viehstall spielt. Dass da ein uneheliches Kind in der Fremde geboren wird, und dass es Hirten waren, die es zuerst sehen wollten. „Abschaum“ der Gesellschaft, mit dem sonst keiner was zu tun haben wollte.

Der zweite Advent ist traditionell in der Adventszeit der Sonntag, der uns mit unserer eigenen Welt konfrontiert. Aber diese Konfrontation hat nichts mit Pessimismus zu tun. Oh nein! Es geht nicht darum, die Welt anzuschauen, mit den Schultern zu zucken und zu sagen: Sie ist halt schlecht, können wir nichts machen.

Ich glaube, es geht eher darum, dass wir nicht vergessen, wo der Advent stattfindet, wohin Gott eigentlich kommt. Dass wir nicht vergessen, warum es so unerhört ist, dass Gott Mensch wird. Denn die Menschen, das ist auch im Jahr 2016 nach Christi Geburt so, haben viel zu oft ein unmenschliches Auftreten. Die „erkaltete Liebe“ können wir überall spüren.

Und dieser erkalteten Liebe können wir etwas entgegensetzen als Kinder Gottes: unsere fröhliche Gelassenheit, weil wir ahnen, dass diese Welt nicht das letzte Wort hat.

Wir sind es, die das Evangelium von Gottes Liebe gehört haben. Wir sind es, die daraus Kraft für heute und Mut für morgen schöpfen. Wir sind es, die nicht mit dem Tunnelblick sondern im Weitwinkel das Leben sehen.

Nicht, weil wir moralisch besser wären. Sondern weil das Kind in der Krippe, Gottes Sohm, uns befreit hat. Wir haben die Freiheit bekommen, nicht den falschen Propheten hinterherzulaufen. Die Freiheit, auf alles, was die erkaltete Liebe so anstellt unter uns, auch ganz anders zu reagieren. Auf die Verführungen mit den einfachen Antworten nicht hereinzufallen. Nicht das Spiel von Neid und Missgunst mitzuspielen.

Wir sind freie Christenmenschen, die frei entscheiden – jedes Mal wieder. Auch daran werden wir im Advent erinnert.

Und wenn ich mir das vor Augen halte, dann kann ich mich trotzdem an meiner Behaglichkeit im Advent freuen. An den Bräuchen und den Gerüchen. Im Lichte dieses zweiten Advents wirkt all das fast schon wie ein „organisierter Widerstand“ gegen die erkaltete Liebe.

Amen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.