Zeichen und Wunder (Joh 4,46-54)

Woran glaubt eigentlich jemand, der nicht glaubt? Sprachlich gesehen eine sinnlose Frage: Woran glaubt, wer nicht glaubt?

Also wenn jemand nicht glaubt, dann müsste die Frage doch lauten: Woran glaubt er nicht?
Und da gibt es so einiges. Hier ein paar Beispiele:

„Ich glaube nicht, dass ich morgen besucht werde.“
„Ich glaube nicht, dass es noch einmal richtig schneit.“
„Ich glaube nicht, dass der neue US-Präsident seiner Verantwortung gerecht wird.“
„Ich glaube nicht, dass 96 aufsteigt.“
„Ich glaube nicht, dass es einen Gott gibt.“
Übersetzt ins Positive könnten man damit meinen:

„Ich hoffe, dass ich nicht schon wieder allein sein muss.“
„Ich hoffe, dass ich noch einmal Schlitten fahren kann.“
„Ich hoffe, dass es nicht zu noch größeren Katastrophen in der Weltpolitik kommt.“
„Ich hoffe, dass es bald wieder Erstligafußball in Hannover gibt.“
„Ich hoffe, dass da ein höheres Wesen ist, das dem ganzen hier einen Sinn gibt.“

Woran glaubt wer nicht glaubt? Ich habe den leisen Verdacht, dass wir diese Frage so nicht stellen können. Zumindest nicht, ohne zu klären, was mit „glauben“ gemeint sein soll.

Hören wir eine Geschichte aus der Bibel dazu. Im Johannesevangelium wird sie erzählt:

Es war ein Mann im Dienst des Königs, dessen Sohn lag krank in Kapernaum. Dieser hörte, dass Jesus aus Judäa nach Galiläa kam und ging hin zu ihm und bat ihn, herabzukommen und seinem Sohn zu helfen. 

Wenn Kinder krank sind, dann sind die Eltern in Sorge. Meistens ist die Angst der Eltern größer als die des kranken Kindes. Wenn die Krankheit besonders schlimm ist, wenn sogar mit dem Tot zu rechnen ist, dann steigert sich die Sorge ins Unermessliche.

Der sorgenvolle Vater hörte, dass Jesus in der Nähe war. Es hatte sich herumgesprochen, dass dieser Jesus etwas Besonderes ist. Hinter so mancher Tür wurde gemunkelt, dass dieses Jesus womöglich der Messias ist.

Los! Komm! Mein Sohn ist krank, bitte hilf ihm! Ich glaube, Jesus, dass du das kannst. Ich habe so vieles von dir gehört, da wirst du doch wohl auch meinem Sohn helfen können. Wenn nichts mehr hilft, wenn kein Arzt den Sohn heilen kann, dieser Jesus, der ist die letzte Chance.

Die Reaktion von Jesu ist mehr als seltsam. „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht“. Kein Wort zum kranken Kind, nicht einmal eine Antwort auf die Bitte des Beamten. Nur dieser komische Satz: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht“.

Warum glaubt eigentlich jemand, der glaubt? Jesus behauptet: Weil ihr Zeichen und Wunder gesehen habt, glaubt ihr. Ohne meine Wunder wäre ich euch egal.

Ich muss gestehen, ich bin etwas empört. Das klingt doch ziemlich nach Vorwurf.
Stellt euch das mal vor: Da kommt einer und zeigt mit dem Finger auf uns und behauptet: Ihr glaubt ja nur, weil ihr Zeichen und Wunder gesehen habt!

Das fühlt sich doch mies an. Ich möchte dem widersprechen. Ja, der Beamte tut mir sogar leid. Er kommt ja gerade in der Hoffnung, dass Jesus ihm helfen kann. Und dann wird er erstmal abgecancelt. Dazu noch die Gedanken an den kranken Sohn.

Aber darum geht es nicht in der Geschichte. Es geht nicht um den sorgenvollen Vater. Es geht auch nicht um sein krankes Kind. Das, was hier wirklich zählt, sind die Worte Jesu. „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht“

Ich muss zugeben: Das stimmt! Jeus trifft mit diesen Worten in die Mitte meines Glaubens. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber manchmal würde ich mir schon so ein kleines Wunder wünschen. Einmal nur soll aus dem Wasser Wein werden oder ein Kranker vor meinen Augen aufstehen und gesund werden. Einmal nur die Stimme Gottes hören, wie sie klar und deutlich aus den Wolken schallt. Einmal nur und jeder Zweifel wäre dahin.

Vorbei wären die Sprüche der Kritiker, die Angesichts von Leid und Katastrophen, von Krankheit und Tod immer wieder fragen: Wo ist dein Gott?

Warum glaubt der, der glaubt? Wenn ich hier jetzt von glauben rede, dann meine ich damit mehr als ein mögliches Wissen. Es ist mehr als eine bloße Vermutung.
„Wir glauben Gott im höchsten Thron, wir glauben Christum Gottes Sohn“ – so haben wir es vorhin gesungen. Wenn wir solche Worte singen oder sprechen, dann wollen wir damit sagen, dass wir zutiefst überzeugt sind, dass es diesen Gott gibt. Zumindest geht es mir so.

Warum glaubt der, der glaubt? Warum glaube ich, warum glaubt ihr? Was macht euch so sicher, dass es einen Gott gibt? Seid ihr überhaupt sicher?

Jesus sagt: Weil ihr Zeichen und Wunder seht, darum glaubt ihr!

Der Beamte hat von den Wundern Jesu gehört. Voller Überzeugung kann er nach Kana rennen und diesen Jesus um Hilfe bitten. Er lässt sich nicht abschütteln. Er bleibt dabei. Noch einmal wiederholt er seine Bitte: „Herr, komm mit in mein Haus, ehe mein Kind stirbt!“

Jesus spricht die drei erlösenden Worte: „Dein Sohn lebt.“ Und der Mann – glaubt. Glaubt diesen Worten. Er hat seinen Sohn noch nicht gesehen. Er rennt einfach nach Hause. Seine Diener kommen ihm entgegen, berichten ihm, dass es dem Kind wieder besser geht.
Und dann bin ich mitten in der Geschichte. Der Beamte fängt nicht an, Gott zu danken. Er will Gewissheit! Er will ein Zeichen. „Wann ist das Fieber zurückgegangen?“ Es war die Stunde, in der Jesus zu ihm sagte: dein Sohn lebt! Da glaubte der Mann und mit ihm sein ganzes Haus.

Ein Zeichen, ein Wunder, mehr wünsche ich mir nicht. Dann wird das glauben so viel einfacher!

Erinnert ihr euch an Thomas? Das war der Jünger, der nicht an die Auferstehung glaubte und ein Zeichen brauchte, einen Beweis. Einmal würde er gern seine Hände in die Wunden des Auferstandenen legen. Doch als Jesus hinzutritt, fällt Thomas auf die Knie und glaubt. Da spricht Jesus zu ihm: Du glaubst, weil du gesehen hast. Aber selig sind, die nicht sehen und doch glauben.

Darf ich mich da selig (oder glücklich) schätzen? Ich muss doch dankbar sein, dass ich auch ohne Wunder glauben kann. Ein Glaube, der auf Zeichen angewiesen ist, bleibt angreifbar. Denn was ist, wenn die Zeichen ausbleiben? War der Glaube dann nicht groß genug? Hab ich dann nicht genug gebetet? Oder hat irgendwas anderes nicht gestimmt? Das kann ganz schön belasten.

Wenn man hier mal in der Kirche herumfragen würde, warum jemand glaubt, dann gäbe es sicher viele verschiedene Antworten. Manche würde es vielleicht so sagen: „Ich weiß nicht. Es ist so ein Gefühl, es ist eine Ahnung die ich habe.“

Ja, auch ich habe eine Ahnung, dass es noch mehr gibt in dieser Welt, als uns vor Augen steht. Mehr als das Geld auf dem Bankkonto, mehr als äußere Schönheit, mehr als Glamour und Glitzer, der Traum von der ewigen Jugend, dem Recht des Stärkeren.

Ich habe eine Ahnung, dass da noch was anderes zählt im Leben. Mitleid und Mitmenschlichkeit, das alte Wort von der „Solidarität“. Nähe und Zärtlichkeit, nicht verzweckt, sondern zweckfrei. Echte Begegnung zwischen Unbekannten, die sich kennen lernen. Liebe? Verantwortung, auch über Generationen hinweg.

Und da ist die Ahnung, dass es in dieser Welt eigentlich um Gerechtigkeit geht, um gleiche Rechte für alle, besonderen Schutz für Minderheiten. Gute Start- und Rahmenbedingungen für alle Menschen, Würde – auch für Tiere.

Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.

Ja, ich bin dankbar für diesen Glauben, das Vertrauen, das sich oft wie ein Geschenk anfühlt. Ja, und ich zweifele manchmal. Dann wünsche ich mir hin und wieder ein kleines Wunder. Ja, ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Um zu einem solchen Glauben zu gelangen, braucht es manchmal am Anfang ein Gefühl, so eine Ahnung. Manchmal ist es ein Hoffen auf mehr. Ein Hoffen darauf, dass da ein Gott ist der helfen kann, bei dem ich nicht verloren gehen kann.

Glauben aber ist und bleibt ein Geschenk. Die Zeichen und Wunder sind ein Zugeständnis für alle, die es brauchen. Woran glaubt jemand, der nicht glaubt? Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe darauf, dass da einer ist, der die Hand aufhält, wenn ich falle.

Amen.

 

Inspiriert durch Otto-Fabian Voigtländer

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