Der Geschmack der Freiheit (Mk 14,17-25)

Und am Abend kam er mit den Zwölfen. Und als sie bei Tisch waren und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten. Da wurden sie traurig und sagten zu ihm, einer nach dem andern: Bin ich’s? Er aber sprach zu ihnen: Einer von den Zwölfen, der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht. Der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben steht; weh aber dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre. Und als sie aßen, nahm er das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Nehmet; das ist mein Leib. Und er nahm de  Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird. Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinke im Reich Gottes.

 

Es ist ein besonderer Moment, den Jesus mit seinen Jüngern da begeht. Sie sitzen zusammen in trauter Runde, und doch liegt was in der Luft. Sie kennen sich gut. Miteinander haben sie viel erlebt, haben viel Zuspruch und Anerkennung erfahren, aber auch Ablehnung und offene Feindschaft ist ihnen im Laufe der Zeit entgegengeschlagen.

Es ist eine eingeschworene Truppe. Sicher, es gibt immer mal interne Rangeleien, etwa über die Frage, wer in der Gruppe sonst noch das Sagen hat. Und darüber, wer Jesus am nächsten steht.

Aber allesamt haben sie ihre Geschichte mit dem Mann aus Nazareth. Der mit dieser besonderen Ausstrahlung. Sie alle sind nah dran am Geschehen – und doch gleichzeitig irgendwie weit weg.

Immer wieder heißt es in den Evangelien, die Jünger würden „nicht verstehen“.

Sie verstehen nicht, obwohl sie mit ihm unterwegs sind. Sie verstehen nicht, was Jesus will mit seiner Botschaft, die doch so einfach klingt: Gott ist nahe. Das Himmelreich ist da. Immer wieder hat er es mit ihnen durchgesprochen, hat es mit Geschichten und Gleichnissen versucht zu beschreiben: Es kommt nicht darauf an, Gebote und Vorschriften exakt einzuhalten. Nein, die innere Haltung der Menschen ist wichtig. Wie sie zu sich stehen und zu ihrem Nächsten. Und dass Gott gerade denen vergibt, die Schuld auf sich geladen haben. Dass Gott die annimmt, die unmoralisch leben.

Die Jünger kommen da nicht mehr hinterher. Sie bleiben verhaftet im üblichen Denken, in der Logik dieser Welt. Deshalb verstehen sie auch die Sache mit dem bevorstehenden Tod am Kreuz nicht.

Jesus kündigt sein Leiden drei mal an, doch die Jungs schütteln nur die Köpfe. Kapieren es einfach nicht. Wie soll man auch so etwas kapieren? Jesus hat doch Erfolg, öffnet den Menschen die Herzen für Gott und lässt sie Vergebung erfahren. Wieso sollte er ausgerechnet jetzt sterben?

Jesus selbst ahnt sehr wohl, was ihm bevorsteht. Er spürt, nein, er weiß, dass es keinen anderen Weg geben wird. Es ist unvermeidlich: Mit seinen Taten, seinen Worten und Zeichen hat er die Mächtigen gegen sich aufgebracht. Diejenigen, die alles gerne beim alten lassen wollen. Bloß keine Unruhe im Volk! Die religiösen Autoritäten und die staatlichen Machthaber sind an ihm dran. Bis in seinen engsten Freundeskreis hinein reichen ihre Kontakte.

Die Mächtigen wollen ihn aus dem Weg schaffen. Darüber ist er sich im Klaren. Denn wer den einfachen Leuten Hoffnung gibt, ihnen die Augen öffnet, sie aufrichtet, wer Menschen aus der lähmenden Lethargie des Alltags holt, der macht sich nicht gerade beliebt beim Establishment.

Zugleich weiß Jesus: Wenn er seiner Botschaft treu bleiben will, ja wenn all das, wofür er gelebt hat, wofür er eingetreten ist, wenn das alles nicht im Nachhinein relativiert werden soll, dann muss er diesen Weg gehen. Abhauen ist keine Lösung, und vor dem Hohen Rat alles Abstreiten auch nicht.

Sein Weg ist klar. Das wird sehr unbequem und schmerzhaft, aber Jesus hat eine Mission. Das will er seinen Jüngern vermitteln, damit sie nicht total überrascht sind, wenn es geschieht, aus Liebe. Das macht den heutigen Abend zu etwas besonderem.

Derjenige, der ihn verraten wird, sitzt mit am Tisch. Und der andere, der immer wieder groß tönt, er wäre sein bester Freund, der wird ihn verleugnen bevor der Hahn kräht. Alle, sie alle werden sich vor Angst aus dem Staub machen. Wer möchte es ihnen verdenken?

Aber alle, sie alle sitzen hier am Tisch. Sie nehmen von dem Brot, das Jesus teilt. Sie – und das wird in der Bibel betont – sie trinken alle aus dem Kelch. Zusammengeschweißt zu einer Schicksalsgemeinschaft.

Wir sind Teil dieser Schicksalsgemeinschaft. Nicht so wie im Freundeskreis, den man sich aussuchen kann. Eher wie in einer Familie. Denn unsere Eltern und Großeltern, unsere Geschwister konnten wir uns auch nicht aussuchen. So ist Kirche. Eine Familie Gottes, zusammengeschweißt durch Leib und Kelch, Matzen und Saft.

Jesus feiert das Passamahl sehr bewusst mit seinen engsten Vertrauten. Ein Mahl der Freiheit. Und aus freien Stücken wird er sich dem Gang der Dinge ausliefern, wird sich gefangen nehmen und misshandeln lassen. Getreten und bespuckt, verhöhnt und dann schließlich gekreuzigt. Aus einer unglaublichen inneren Freiheit heraus nimmt Jesus das auf sich.

Was nehmen wir aus innerer Freiheit auf uns? Wo opfern wir uns selbst auf? Freiwillig?

In der Familie etwa bei der Sorge für die kleinen Kinder oder bei der Pflege der alten Eltern? Wo geben wir uns ganz hin, aus freien Stücken? In der Liebe zu einem Menschen, dessen Aufmerksamkeit wird gerne ungeteilt genießen möchten? Vielleicht sogar im Engagement für Flüchtlinge? Wofür geben wir uns hin?

An diesem Abend wird es deutlich: Jesus gibt sich dahin. Gerade in diesen Zeiten. Gerade in unseren Zeiten, wo die Angst vor dem Terror umgeht und immer wieder fundamentalistischer Hass mit religiösem Eifer verwechselt wird, gerade in diesen Zeiten, wo Bomben in Kirchen und an Mannschaftsbussen explodieren.

Hingabe ist kein Akt der Gewalt, weder gegen Andersgläubige noch gegen Andersdenkende. Und erst recht nicht gegen Fußballmannschaften.

Hingabe geht anders. Hingabe, so können wir es in der Passionsgeschichte lernen, geschieht aus Liebe und aus Freiheit. Und sie hat immer den anderen im Blick, um dessen Willen man es sich unbequem macht.

„Unbequem“ passt in diesem Zusammenhang vielleicht besser, denn wenn Menschen davon sprechen, dass sie sich selbst aufgeben, sich aufopfern für andere, dann klingt das nach einem hohen Anspruch, der manche abschreckt.

Jesus macht es sich „unbequem“. Er gibt sich selbst, er opfert seinen Leib, damit sich eben niemand mehr ganz aufopfern muss. Weder für eine Weltanschauung noch für eine Religion.

Sein Leib wird vielmehr zur Speise. Es ist seine konsequente Liebe, die den Tod in Kauf nimmt – sie stärkt alle, die in ihrem eigenen Leben nicht mehr weiter wissen. Dieser eine bleibt sich treu und steht zu zu allem, was er gesagt hat, was er getan hat. Für die Menschen und für diese Welt.

Und sein Blut wird vergossen, damit niemand mehr Blut vergießen muss. Damit all die Opfer ein Ende haben, alle Todesurteile aufgehoben werden. Dieses eine Blutvergießen soll reichen. Der neue Bund in seinem Blut soll die Menschen daran erinnern, dass sie menschlich leben und das Blutvergießen beenden.

Es ist ein besonderer Moment, den Jesus mit seinen Jüngern da erlebt. Und es ist ein besonderer Moment, den wir heute erleben. Am Vorabend von Karfreitag, dem Stillen Feiertag.

Die Welt stöhnt angesichts von Terror und Gewalt. Die Menschheit ächzt vor Hunger und Krieg. Und wir? Wir sitzen zusammen als Schicksalsgemeinschaft von Christinnen und Christen. Der Tisch ist gedeckt. Jesus lädt uns ein. Wir sitzen mit ihm am Tisch. So wie wir sind. Mit allen unseren Begabungen und Fehlern, mit unseren hellen Erinnerungen und dem, was schwer auf unseren Seelen lastet.

Wir haben alle einen Platz an diesem großen Tisch, zwischen Judas, Petrus und den anderen. Ihre Geschichte ist unsere Geschichte. Verstehen wir Jesus und seine Botschaft? Vielleicht nicht. Aber wir bekommen einen Geschmack davon, wie Gott uns in diesem Mann aus Nazareth entgegenkommt und uns annimmt, so wie wir sind. Freiheit schmeckt nach Brot und Saft.

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