Sandtürme in den Himmel (1. Mose 11,1-9)

Es ist einer der ersten schönen Nachmittage im Frühsommer. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern und wir sitzen im Sandkasten. Marie und ihr Freund Lennard arbeiten hoch konzentriert an ihrem „Projekt“: es soll eine Sandburg werden, so hoch „bis in den Himmel“. Oha, denke ich und natürlich kommt mir sofort die Geschichte von einem ähnlichen Projekt in den Sinn, wovon die Bibel erzählt.

Diese beiden Dreijährigen haben noch Träume, könnte man meinen. Bei denen wachsen die Pläne buchstäblich in den Himmel. Man könnte aber auch kritisch sagen: Na, das hat bisher noch nie ein gutes Ende genommen, wenn Menschen so weit hinaus geplant haben…

Der Turm von Babel ist so ein Projekt: typisch menschlich. Diese Menschen wollen sich selbst einen Namen machen, wollen hoch hinaus. Sich selbst ein Denkmal setzen, damit alle Welt erkennt, wie toll man ist. Als Volk, als Gruppe, als Einheit. Es soll ein Wolkenkratzer werden, ach was, ein Himmelskratzer, dessen Spitze „bis in den Himmel reicht“. Diese Leute wollen in den Himmel, dahin, wo in der Vorstellung nicht nur von Kindern Gott wohnt. Sie wollen neben ihm Platz nehmen, oder vielmehr seinen Platz einnehmen und die Geschicke der Welt lenken.

Typisch menschlich eben. Kommt ja auch heute noch oft genug vor, dass Menschen denken, sie könnten es alleine. Sie brauchen keinen Gott, kein Gegenüber, das korrigiert oder behütet. Ja, wir Menschen denken oft genug, dass wir das Leben selber in der Hand haben. Karriere planen, Familie planen, den Lebenslauf so gestalten, dass er möglichst gut aussieht.

Was aber, wenn es nicht so läuft, wie wir denken? Was, wenn die Karriere nicht so vorangeht, wie gewünscht? Und was ist, wenn sich der Nachwuchs einfach nicht einstellen will, obwohl doch medizinisch nichts dagegen spricht? Wenn eine Diagnose alle schönen Pläne mit einem Mal zunichte macht. Chemotherapie statt Gran Canaria. Oder wenn die eigenen Kinder im Leben Wege nehmen, die nicht unseren Vorstellungen als Eltern oder Großeltern entsprechen? Was dann?

Es ist eine Erfahrung, die sich bei den meisten erst im Laufe des Lebens einstellt: Wir haben nicht alles in der Hand. Wir können viel, wir leisten viel, und wir sollen natürlich stets unser Bestes geben, im Job, in der Familie, im Ort, im Verein.

Aber so viel wir uns anstrengen, so hoch wir unsere Türme in den Himmel bauen, sobald müssen wir erfahren, dass es nicht an uns alleine liegt, an unserer Kraft, Geduld, Verständnis, ja auch nicht an unserem Glauben und unserer Hoffnung. Irgendwann im Leben ist man nämlich von alldem einmal verlassen. Das kommt so sicher wie das Schützenfest.

Und was dann?

In solchen Krisen erkennen viele Menschen, dass es nicht an einem allein liegt, ob das Leben gelingt. Dass unsere Türme nicht in den Himmel reichen, so sehr wir uns auch zusammentun und meinen, als starke Gruppe außergewöhnliches zu schaffen. Ob als Volksgruppe, als Nation, oder als vermeintlich homogene Gruppe. Wohin es geführt hat, als die Deutschen meinten, sie allein könnten die Welt beherrschen, wissen wir ja,

In der Geschichte vom Turmbau ist das die Versuchung. Man spricht die gleiche Sprache, alles ist einheitlich, das sollte reichen um sich zu Gott zu machen, an Gottes Stelle zu setzen.

Aber weit gefehlt. So einfach ist das nicht. Nur eine einzige Veränderung reicht, um das Projekt zum Scheitern zu bringen. Plötzlich verstehen sich die Menschen nicht mehr. In der Geschichte ist das ganz real, sie werden mit verschiedenen Sprachen verwirrt und zerstreuen sich über die ganze Erde.

Im übertragenen Sinn steckt darin auch Lebenserfahrung: Selbst wenn zwei Menschen die gleiche Muttersprache haben, ist dadurch nicht garantiert, dass sie mit denselben Worten immer das gleiche meinen. So scheitert dieser Versuch der Menschen, Gott abzuschaffen allein an der Vielfalt der Sprachen. Wenn man so will, kann man hier Vielfalt als Strafe verstehen.

Und natürlich ist es  auch so: Vielfalt ist schön, macht aber Arbeit. Das hören wir immer wieder von denjenigen, die sich in unserem Lande bei der Integration von Geflüchteten engagieren. Die jeden Tag neu erleben, wie mühsam es sein kann, wenn man nicht die gleiche Sprache spricht, wenn man die kulturellen Unterschiede zwischen Menschen aus Syrien oder Westeuropa gerade im direkten Umgang miteinander feststellen muss.

Dann kann diese Vielfalt zwischen Menschen, Sprachen und Kulturen schon sehr hinderlich sein und es ist nicht verwunderlich, dass der Turm von Babel niemals fertig wurde.

Nun hat es ja einen tieferen Sinn, dass diese Geschichte heute, zum Pfingstfest, Pflichtlektüre in allein Kirchengemeinden ist. Denn er hat ein Gegenstück, eine Gegengeschichte, die ziemlich genau das Gegenteil von dem erzählt, was die Leute in Babel vorhatten. Es ist die Geschichte vom Pfingstwunder, wie es in der Apostelgeschichte erzählt wird.

Ganz kurz: Die Freunde von Jesus waren zusammen. Da kam der Heilige Geist über sie gezischt (von oben herab) und plötzlich konnten sie alle, die vorher die gleiche Sprache hatten, in sehr verschiedenen Sprachen reden. Und das hat ziemlich Eindruck gemacht. Auf einmal konnten Menschen aus anderen Ländern und anderen Kulturen sie verstehen. Konnten verstehen, was es mit Jesus auf sich hatte, was seine Mission war, und welche große Liebe Gott für all seine Geschöpfe empfindet.

Wenn man so will, ist das die Gegengeschichte zum Turmbau von Babel. Statt von unten in den Himmel zu gelangen fährt Gottes Geist von oben herab auf die Erde.

In Babel wurden die Sprachen verwirrt und dieses Wirrwarr hat dazu geführt, dass die Menschen nicht mehr viel miteinander anfangen konnten. Zumindest Himmelstürme bauen war dann nicht mehr so einfach.

Und dann, in der Apostelgeschichte, sorgt der Heilige Geist dafür, dass genau diese Vielfalt der Sprachen genutzt wird, um die Botschaft von Jesus der ganzen Welt zu erzählen. Toll, oder?

Es ist dann genau umgekehrt: Da ist die Erfahrung, dass man sich auch ohne viele gesprochenen Worte versteht, besonders dann, wenn es um die wesentlichen Dinge geht, also Liebe und Angst, Vertrauen und Hoffnung. Das berichten auch diejenigen, die viel im Alltag mit Geflüchteten zu tun haben.

Plötzlich ist die Vielfalt keine Strafe mehr. Mehr noch, da wird aus eben dieser Vielfalt die Kirche geboren, also eine Gemeinschaft derjenigen, die etwas mit der Botschaft von Jesus anfangen können. Eine Gemeinschaft der Verschiedenen, nicht mit einer einheitlichen Sprache, oder der  gemeinsamen Vision, dass man Gott im Himmel abschafft.

Nein, der Gegenentwurf zum Babel-Turm ist eine Gemeinschaft der Verschiedenen, die erkannt haben, dass das Leben nicht immer glatt geht. Dass es nicht allein von mir abhängt, ob und wie es in dieser Welt weitergeht. Wenn man so will, ist es eine Gemeinschaft der Demütigen, und vielleicht eine Gemeinschaft der Weisen, die mit Gott rechnen, was auch immer wir jeweils unter „Gott“ verstehen. Eine Gemeinschaft von Menschen, die immer ihr Bestes geben und nichts unversucht lassen – und zugleich das Gelingen in Gottes Hände legen.

Nicht Türme in den Himmel bauen ist angesagt, sondern Treffpunkte auf der Erde, wo Menschen zusammen kommen, sich kennen lernen und miteinander Leben teilen, und zwar in allen Höhen und Tiefen, wie es eben so ist.

Da sitze ich in meinem Sandkasten und sinniere von mich hin. Die Kinder haben ihr Projekt mittlerweile aufgegeben, die Sandruine liegt verlassen. Denn längst haben sie sich anderen Dingen zugewandt und suchen unter Steinen nach kleinen Krabbeltieren. Damit kommen sie wahrscheinlich sehr viel schneller voran.

Amen.

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