Offene Türen einrennen. (Hebr 10,23-25)

Weil wir denn nun, liebe Brüder, durch das Blut Jesu die Freiheit haben zum Eingang in das Heiligtum, den er uns aufgetan hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist: durch das Opfer seines Leibes, und haben einen Hohepriester über das Haus Gottes, so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben, besprengt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser. Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat; und lasst uns aufeinander Acht haben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken und nicht verlassen unsre Versammlungen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das um so mehr, als ihr seht, dass sich der Tag naht.

 

Die Tür ist offen. Das ist die Botschaft des Hebräerbriefes, den wir heute, am Ersten Advent hören. Die Tür ist offen – hin zur Adventszeit, hin zu einem neuen Kirchenjahr. Die Tür ist offen, oder – eben mit den Worten des Hebräerbriefes – der Weg durch den Vorhang ins Allerheiligste ist frei.

Offene Türen – so kennen wir das in der Adventszeit. Die ersten Türchen sind tatsächlich schon offen. Ich weiß nicht, ob Ihr auch alle einen Adventskalender habt, aber die meisten von uns kennen diese Tradition. Bei uns zuhause hat jedes Kind einen und dann ist da noch einer für die ganze Familie. Puh! Wer verbindet nicht irgendeine Kindheitserinnerung mit dem Adventskalender?

Dabei ist es egal ob er gekauft ist und mit fertigen Schokotäfelchen bestückt, oder ob er in liebevoller Handarbeit selbst gemacht wurde und mit kleinen Geschenken versehen, ob in der schwierigen Nachkriegszeit oder heutzutage – Adventskalender gibt es schon seit über 150 Jahren.

Und sie erinnern uns daran, dass in der Zeit vor Weihnachten die Erwartung immer größer werden.

Der Adventskalender will uns das Warten verkürzen. Mit jedem Türchen, mit jedem Säckchen oder Päckchen kommen wir der Sache näher, kommen wir Weihnachten näher.

Es ist eine besondere Zeit. Diese vier Wochen vor Weihnachten haben einen ganz eigenen Zauber. Und wer die Kinder dabei beobachtet, wie ihre Vorfreude immer größer wird, der kann von ihnen lernen. Der kann lernen, was es heißt, in großer Erwartung zu leben – allein schon bis zum nächsten Morgen.

Was können wir erwarten, wenn die Tür zur Advents- und Weihnachtszeit geöffnet wird? Wird es eine fröhliche und besinnliche Zeit sein? Oder wird sie eher dramatisch werden, gefüllt mit Einsamkeit und Verzweiflung?

Menschen haben da ja so ihre Erfahrungen. Einerseits gibt es da die Erwartungen und Wünsche: Es soll eine friedliche und besinnliche Zeit sein. Es soll eine Zeit sein, in der ich zu mir selbst komme. Und es soll auch eine Zeit sein, in der es mehr als sonst möglich ist, dass Menschen aufeinander achten und füreinander da sind.

Aber wir wissen auch, dass alles ganz anders kommen kann. Die Advents- und Weihnachtszeit wird häufig von großer Anstrengung und Hektik bestimmt. Das ist die Kehrseite der steigenden Erwartungen. Viele Leute reagieren im Advent besonders gereizt. Sie hetzten von einer Feier zur nächsten. Fußballverein, Feuerwehr, Kleintierzüchter – alle „müssen“ eine Weihnachtsfeier machen.

Was bleibt dann noch übrig von den Erwartungen und Wünschen? Es ist ja kein Geheimnis: In einer Zeit hoher Erwartungen können die Enttäuschungen umso größer werden. Und es gibt nicht wenige, die froh sind, wenn sich die Türen nach der Weihnachtszeit wieder geschlossen haben und alles wieder seinen normalen Lauf nimmt.

Der Unterschied kann ziemlich groß sein, zwischen unseren Erwartungen und Wünschen und der Realität, die wir erleben. Mit dieser Spannung im Hintergrund hören wir den heutigen Predigttext. Dort heißt es: Jesus „hat uns den Weg durch den Vorhang freigemacht“.

Die Leute damals haben gleich verstanden, um was es geht. Hier wird auf den Vorhang im jüdischen Tempel von Jerusalem angespielt. Er trennte das Allerheiligste vom Rest des Tempels. Er trennte und war doch gleichzeitig der Zugang. Allerdings nur einmal im Jahr. Dann ging der Hohepriester des Tempels hindurch. Und nur er allein. Das geschah immer am „Jom Kippur“, dem jüdischen Versöhnungsfest. Er ist bis heute für unsere jüdischen Geschwister der wichtigste Feiertag nach dem Sabbat.

Am Versöhnungstag kam alles auf den Tisch gelegt: alle Widersprüche und Ungereimtheiten des Lebens, alles was sich angesammelt hatte an Schuld und Versagen zwischen Menschen, zwischen Gott und seinem Volk. Und dann wurde geopfert. Ein Tier wurde geschlachtet und sein Blut in das Allerheiligste getragen. Damit sollte all das aus dem Weg geräumt werden, was Leben zerstört und Menschen von Gott trennt.

Dadurch bekamen die Gläubigen Zugang zu Gott, die Tür zur Zukunft stand offen. Man konnte aufatmen, konnte befreit von Ballast und Schuld neu mit dem Leben anfangen.

Der Unterschied von Hoffnung und Realität war überwunden. Wenigstens für einen Tag.

Für uns Christinnen und Christen von heute ist das vielleicht eine fremde Vorstellung. Opferhandlungen wie vor 2000 Jahren kenne ich nicht. Und auch solche Hohepriester wie damals sind mir fremd.

Aber mit diesem einen Bild kann ich etwas anfangen: „Er hat uns den Weg durch den Vorhang freigemacht.“

Das ist mehr als die Tür nur mal eben einen Spalt breit zu öffnen und sie dann gleich wieder zuzumachen. Und das ist mehr als ein kleines wiederkehrendes Ritual wie das Öffnen einer Tür am Adventskalender. Denn die Tür bleibt offen und der Weg liegt frei vor uns. Ein Weg, der nicht begrenzt ist. Nicht begrenzt von unseren kleinen Erwartungen, es möge doch mal ein bisschen Frieden herrschen, wenigstens im Advent. Oder dass in der Familie bitte mal nicht gestritten wird und alle Schwierigkeiten am besten zugedeckt werden.

Nein, es geht hier um einen Weg, auf dem Gott nahe ist und die Hoffnung hell leuchtet. Die Hoffnung auf echten Frieden in den Kriegsgebieten unserer Welt. Die Hoffnung darauf, dass Menschen einander wirklich verstehen wollen, in unseren kleinen Kreisen, aber auch in der großen Menschheitsfamilie. Die Hoffnung auf wirklichen Trost, wenn der Verlust eines lieben Menschen schwer auf unserem Herzen lastet. Und da ist die Hoffnung darauf, dass es noch nicht zu spät ist für unser Klima und damit für unsere eigene Zukunft.

Auch wenn mir die Worte und Gedanken des Hebräerbriefes sehr fremd klingen, sie erinnern mich deutlich an den Weg Jesu. In der Begegnung mit ihm haben Menschen gespürt, dass da mehr sein muss als Logik und Vernunft. Jesus hat ihnen zugehört, hat Herzen geheilt und mit ihnen um manche zerbrochene Hoffnung getrauert. Und er hat ihnen die Sehnsucht eingepflanzt. Die Sehnsucht nach einer Wirklichkeit, wo niemand verloren geht.

Seine Ankunft, sein Advent hat uns die Tür zu Gott und damit die Tür zum Leben geöffnet. Der Weg ist frei, die Tür zu Gott ist offen!

Die Tür in eine andere Welt, eine andere Wirklichkeit, wo uns nichts von Gott trennt, und wo auch wir Menschen einander nicht fremd bleiben.

Die Tür ist offen. Aber es muss nicht irgendein Hohepriester hindurchgehen ins Allerheiligste. Nein Gott selbst kommt durch diese Tür zu uns. Diese Welt ist das Allerheiligste, mit all ihren Problemen, ihren Brüchen und Verletzungen. Die Tür ist auf und Gott kommt hindurch zu uns! In Jesus, dem Kind in der Krippe, dem Wanderprediger und Wunderheiler, dem Schmerzensmann am Kreuz.

Die Tür ist offen und sie bleibt offen – auch über diese Adventszeit hinaus.

Amen.

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