Hoffnung für alle? (1. Petrus 3,8-15)

Endlich aber seid allesamt gleich gesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig.
 Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, auf dass ihr Segen erbt.
Denn »wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen.
Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach.
Denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr Gebet; das Angesicht des Herrn aber sieht auf die, die Böses tun« (Psalm 34,13-17).
Und wer ist’s, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert?
Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht;
heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen. Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist,

Heute ist was los hier! Die Kirche ist wieder voll als wäre Weihnachten. Gäste von nah und fern, aus Politik, Vereinen, aus dem ganzen Dorf.

Es gibt ja auch Grund zum Feiern: der langjährige Pastor ist in den Ruhestand gegangen und nahtlos übernimmt ein anderer. Allein das ist in diesen Tagen schon etwas Besonderes.

Gerade in den letzten zwei Jahren, als ich der Lückenfüller (Pardon: Vakanzvertreter) war – da habe ich schon gemerkt, dass die Zeiten endgültig vorbei sind, in denen es zu viele Pastor*innen gab. Aber Immensen hat Glück, ich habe Glück, meine Familie hat Glück. Es passt und so können wir die Kirche heute zu diesem Anlass füllen.

Und dann, ausgerechnet heute, bekommen wir als Predigttext deutliche Worte serviert. Wir haben sie in der Schriftlesung gehört:

Man solle doch bitte mitleidig sein und geschwisterlich, barmherzig und demütig, nicht Böses mit Bösem vergelten, lieber soll man segnen, das Leben lieben, und auch nichts Böses reden.

Das klingt jetzt wie eine leicht übers Ziel hinausgeschossene Arbeitsplatzbeschreibung für eine tolle Pfarrstelle wie z.B. hier oder anderswo in der Landeskirche.

Aber – und das finde ich bemerkenswert – diese „Ermahnungen“ gelten nicht nur für neue Pastor*innen, auch nicht ausschließlich für Diakon*innen oder gar Superintendentinnen. Nein, diese deutlichen Anweisungen gelten für die ganze Gemeinde.

Für uns alle, egal ob Kirchenvorstand oder Sekretärin, Küsterin oder Chorsänger, Karteileiche oder Kirchgänger. Sie gelten auch für Konfis, für Berufsjugendliche, für Landwirte und Lehrerinnen, sogar für Kinder – einfach für alle, die zur Gemeinde Gottes gehören. Wir alle sollen diese Dinge beherzigen.

Und nicht nur das, wir sollen auch jederzeit in der Lage sein, Außenstehenden von der Hoffnung zu erzählen, „die in uns ist“. Eine Hoffnung, die uns antreibt, die der Grund dafür ist, dass wir überhaupt Christ*innen sind.

Und da wird es doch schon schwieriger. Die Autoren des Petrusbriefes unterstellen, dass wir voller Hoffnung sind. Ja stimmt das denn? Sollten wir angesichts der Welt, in der wir leben, nicht besser verzweifeln?

Es liegt zumindest nahe, wenn wir auf die politische Großwetterlage schauen oder die Fußballweltmeisterschaft, aber auch ganz ernsthaft im Blick auf das, was Menschen einander antun können, in Barsinghausen, in Kandel oder Freiburg.

Verzweifeln könnte ich auch angesichts des Hasses, der sich in einem so wohlhabenden Land wie dem unserem immer ungenierter zeigt. In den so genannten sozialen Netzwerken aber auch auf der Straße.

Und Europa wirkt so gepalten wie lange nicht: Im Streit, wie mit Flüchtlingen an den Grenzen umgegangen wird. Soll man Schutzsuchende abweisen wie unerwünschte Handelsvertreter? Und Rettungsschiffe mit hunderten von Schiffbrüchigen an Board dürfen keine sicheren Häfen anfahren?

Nein, also ehrlich, viel Grund zur Hoffnung haben wir eigentlich nicht. Und doch: wir sind hier! Warum eigentlich? Weil wir – wie beim Fußball – nicht wissen wie es ausgeht? Wohl kaum! Denn wir wissen, oder ahnen zumindest, wie es ausgeht.

Dieser Jesus aus Nazareth, der so überzeugend von Gott sprach, dass die Menschen ihm das abgekauft haben, der so authentisch Gottes Liebe verkörpert hat, dass andere in seiner Nähe wieder „heil“ wurden.

Dieser Jesus, der konsequent auf die Menschen zugegangen ist, der nicht danach fragte, ob es politisch korrekt ist, sich bei einem korrupten Beamten einzuladen, oder dem verpönten Dorftrottel offen in die Augen zu schauen. Der die Leute ansteckte mit seinem Optimismus: Du bist etwas Wert, weil Gott dich liebt, nicht weil du etwas leistest. Würde ist keine Frage des Geldes oder von Bewertungen.

Dieser Jesus ist unsere Hoffnung. Eine Hoffnung, die sich nicht mit dem abfindet, was wir hier täglich erleben. Eine Hoffnung, die Freiräume lässt für neues, für ungewohntes, ja für das ganz andere im Leben. Und schließlich eine Hoffnung, die uns auch dann tragen kann, wenn nichts und niemand mehr helfen kann. Die Hoffnung auf neues Leben auch und gerade angesichts des Todes.

Von dieser Hoffnung sollen wir Rechenschaft geben. Oder mit anderen Worten: Als Christ*innen können wir so leben, dass die Menschen uns danach fragen:

Warum seid ihr so grundfröhlich und optimistisch?

Warum kann bei euch jeder mitmachen, egal von welcher Schule er oder sie kommt, wie alt oder jung, klein oder groß, reich oder arm jemand ist?

Und warum ist bei euch Platz für andere, die erstmal gar nicht so dazu gehören?

Warum hat man bei euch das Gefühl, dass das Leben doch irgendwie einen Sinn hat?

Ja, warum? Na, weil wir eben diese Hoffnung haben. Eine Hoffnung, die weit reicht. Unsere Aufgabe in Immensen wird sein, diese Hoffnung jetzt neu zum Ausdruck zu bringen. Sie ist der Kern unseres Glaubens, hat sich in den letzten 2000 Jahren nicht geändert, und auch nicht in den letzten 34 Jahren. Es ist immer noch die gleiche Hoffnung.

Nur die Zeit hat sich verändert. Menschen leben heute anders als noch vor 20 Jahren. Sie denken anders, lieben anders, kommunizieren anders und glauben vielleicht auch ein bisschen anders.

Wie können wir darauf reagieren? Welche äußeren Formen finden wir, wie sehen die Abläufe in Zukunft aus, wie die musikalische Gestaltung unserer Gottesdienste? Und welche Angebote können wir als Gemeinde machen – für das Dorf, für die Welt?

Am Ende soll in allem, was wir tun und sagen, unsere Hoffnung zum Ausdruck kommen. Eine positive Kraft, die das Schwierige im Leben nicht ausblendet, aber doch bei allen Zweifeln und Grübeln nicht die Lust am Leben vergisst, oder den Spaß an Gemeinschaft.

Denn wir sind gemeinsam auf dem Weg. Und wir werden von dieser starken Hoffnung angetrieben. Das ist so, auch wenn viele Gesichter in unseren Gottesdiensten oft sehr ernst aussehen und Kinderlärm manchmal als störend empfunden wird. Aber wenn wir ein Ort für alle sein wollen, wenn wir Formen entwickeln wollen, in denen niemand vergessen wird, dann können wir diese Hoffnung gut gebrauchen und uns auf den besinnen, von dem sie kommt.

So können wir wachsen im Glauben, in der Hoffnung. So werden wir klüger, weiser, leichter und reicher.

Amen.

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