Der Dank macht die Gabe. (1. Tim 4,4-5)

Erntedank – ein schwieriges Fest, gerade in diesem Jahr. Viele Landwirte haben Ernteausfälle zu beklagen. Viele, die damit ihr Haupteinkommen bestreiten, sorgen sich: Wie geht es weiter, auch im nächsten Jahr? Mit der Ernte? Dem Vieh? Die Futtermittel werden schon bald knapp. Der Klimawandel ist gerade auch bei uns auf dem Dorf ganz nah, spürbar, bedrohlich.

Und doch Erntedank! Es ist ja vielleicht das evangelischste Fest überhaupt. Wir danken für die Ernte. Wir sagen Dank den Bäuerinnen und Bauern, all jenen, die bei der Erzeugung von Lebensmitteln ihren wichtigen Beitrag leisten.

Aber wir danken an diesem Fest vor allem – Gott – für die Ernte. Das ist ungewöhnlich. Das passt eigentlich nicht mehr in unsere Zeit. Wo wir doch daran gewöhnt sind, alles selbst in der Hand zu haben. Alles kriegen wir hin, und wenn nicht jetzt, dann in ein paar Jahren. Das Vertrauen in den Fortschritt ist doch riesig. Ob technisch oder medizinisch, irgendwann können wir alles.

Und doch feiern Christinnen und Christen jedes Jahr Erntedank. Warum eigentlich? Vielleicht, weil wir ahnen, dass es doch nicht alles in unserer Hand liegt. Vielleicht, weil wir spüren, wie begrenzt unsere Möglichkeiten sind. Und weil da dieses Gefühl ist, vielleicht ist es auch seine Sehnsucht, dass da jemand ist, der über all unseren Bemühungen wacht, der uns zumindest nicht allein ins Verderben laufen lässt und bei uns bleibt, wenn unsere Pläne nicht funktionieren oder eben das Wetter einen Strich durch die Rechnung macht.

Es ist ja bei der Landwirtschaft am Ende wie im eigenen Leben. Wir pflügen und wir streuen Samen auf das Feld unseres Lebens. Wir bemühen uns, dass etwas Gutes erwächst aus dem, was wir tun. Bei der Arbeit, in der Familie, im Kontakt mit unseren Mitmenschen.

Klar, als Jugendliche ist das noch ein bisschen relativ. Da steht eher auch mal der Spaß im Vordergrund.

Aber irgendwann packt es doch die meisten von uns. Dann kommen sie, die Fragen nach dem Sinn. Warum bin ich hier auf der Welt? Was mache ich hier überhaupt? Und was machen all die anderen hier? Wie kann ich heile durchs Leben kommen? Geht das ohne Verletzungen, auch von anderen?

Vielleicht ist das der Moment, wo einem der „Ernst des Lebens“ bewusst wird. Wenn es irgendwann „klick“ macht. Und dann bemühen wir uns: Vollenden die Ausbildung, suchen Arbeit, pflegen Freundschaften, finden Partnerin oder Partner, lernen zu lieben, von uns zu geben und zu empfangen.

Und wir stecken zurück – spätestens, wenn sich eine neue Generation ankündigt. Als ich das erste Mal mein Baby auf dem Schoß hatte, ist mir bewusst geworden, welche Verantwortung nun auf mir lastet. Nicht mehr nur das eigene Leben halbwegs hinkriegen. Nein, nun auch das eines anderen Menschenkindes. Und mittlerweile von dreien…

So gehen wir durchs Leben, säen und beackern die verschiedenen Felder, die an unserem Weg liegen – immer mit der Hoffnung, dass die Ernte gut wird. Dass unser Leben Spuren hinterlässt bei denen, die uns anvertraut sind und in dieser Welt.

Und mit der Lebensernte ist das wie in der Landwirtschaft. Mal fällt sie gut aus, dann sind die Bedingungen optimal und wir wissen gar nicht, wohin mit all den guten Dingen, so wie der Kornbauer (Lk 12,16-21). Es ist eine große Versuchung, dann noch mehr Lager und Speicher zu schaffen, um aufzuheben so viel wie geht.

Aber dann dreht sich irgendwann das Blatt. Zu viel Regen im Leben – oder zu viel Dürre – und schon kommt es zur Missernte. Ich hatte mich doch so angestrengt! Hab alles gegeben, und trotzdem ist es nicht gut geworden. Diese Gefahr, oder vielleicht besser: dieses Risiko besteht immer.

Ich denke, dieses Risiko des Scheiterns ist ganz wichtig. Wem immer alles gelingt, der denkt am Ende vielleicht tatsächlich, dass es an ihm oder ihr liegt, dass er oder sie wirklichalles schaffen kann.

Scheitern ist, wenn man so will, die Grundvoraussetzung für jedes religiöse Gefühl. Wenn ich merke, dass ich Grenzen habe, dass meine Kraft und meine Geduld, ja mein ganzes Können, begrenzt sind, dann macht mich das sensibler für das, was jenseits dieser Grenze liegen könnte.

Ich glaube, Landwirtinnen und Landwirte und alle, die ihren Beruf in und mit der Natur ausüben, können das bestätigen. Wenn man den Launen des Wetters ausgesetzt ist, dann kann man noch so tolle Erntemaschinen haben. Es hilft am Ende alles nichts. Die Grenze unserer Möglichkeiten werden  sichtbar und diese Erfahrung kann uns demütig machen.

Als Christinnen und Christen sprechen wir dann ja gelegentlich von Gott. Da, wo wir nicht mehr weiter wissen, hoffen wir auf diese große, alles umfassende Lebenskraft. Das ist keine Garantie, dass alles gut geht. Aber es hilft, mit den eigenen Grenzen besser umzugehen.

Und eine solche Grenz-Erfahrung macht dankbar. Darin liegt wahrscheinlich der uralte Kern aller Erntefeste, lange schon vor der Entstehung des Christentums.

Wenn wir auf das schauen, was wir in einem Leben oder in einer Saison geerntet haben, können wir nur dankbar werden. Eben weil wir wissen, dass es nicht nur an uns gelegen hat.

Wenn ich auf Stationen meines Lebens schaue, werde ich dankbar. Genauso dankbar wie für das tägliche Brot, ohne das mein Leben ja auch nicht möglich wäre. Genauso dankbar für Gesundheit und Freunde wie für die unverdiente Tatsache, dass ich in einem wohlhabenden Land lebe, in dem es einen Rechtsstaat gibt und keine Bürgerkriege.

Die Dankbarkeit verändert meinen Blick auf das Leben und die Welt. Es bekommt alles einen besonderen Wert. Und die Dankbarkeit macht aus allem eine Gabe Gottes. Wie wir es auch im heutigen Predigttext aus dem 1. Timotheusbrief lesen:

Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut,
und nichts hat er verworfen.
Wir müssen es nur mit Dankbarkeit
von ihm entgegennehmen.
Durch Gottes Wort
und durch unsere Fürbitte
wird es nämlich zu etwas Heiligem.

Amen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.