Zacken aus der Krone (Jes 52,7-10)

Wie schön!
Der Freudenbote kommt über die Berge gelaufen!
Er bringt eine gute Nachricht
und verkündet Frieden und Rettung.
Er ruft Zion zu: »Dein Gott herrscht als König.«
Hört ihr es?
Die Wächter der Stadt rufen laut,
sie jubeln alle vor Freude.
Denn sie sehen mit eigenen Augen,
wie der Herr nach Zion zurückkehrt.
Brecht in Freudengeschrei aus und jubelt miteinander,
ihr Trümmer Jerusalems!
Denn der Herr tröstet sein Volk,
er befreit Jerusalem.
Der Herr zeigt seine Macht vor den Augen aller Völker.
Sogar in den fernsten Ländern der Erde sieht man,
dass unser Gott uns rettet.

(Jesaja 52,7-10 BasisBibel)

Das war ein Weihnachten! Das zweite in der Pandemie, ohne Präsenzgottesdienste, ohne Weihnachtsfeiern im Vorfeld. Kein großartiger Weihnachtsmarktbesuch, Absagen und Ausfälle, bis auf wenige Ausnahmen war ja irgendwie alles wie schon letztes Jahr. Und doch gab es viel zu tun. Ich weiß nicht, wie es euch ging, aber bei mir war vor Weihnachten so viel los! Viel war zu bedenken, wie machen wir die Feiern, im Privaten? Wie gestalten wir die das Fest im Dorf? 

Zuhause war auch viel los. Und einen richtigen Unterschied zu den Zeiten vor Corona war da eigentlich nicht zu merken: Wieder habe ich bei der Weihnachtpost jemanden vergessen, wieder ist die Wohnung nicht tiptop aufgeräumt gewesen, wieder last minute Einkaufen im Supermarkt, lange Schlangen. Wieder ein falsches Geschenk besorgt und wieder eins bekommen, mit dem ich nichts anfangen kann.

Echt jetzt! Jedes Jahr bei den Weihnachtsvorbereitungen nehme ich mir vor, alles besser zu planen, alles zu schaffen, alles richtig zu machen. Und dann kommt es doch wieder so wie immer. Perfekt geht anders. 

Dazu kam dann noch das Wetter an Heilig Abend. Wie so viele Gemeinden im Land haben wir auf Freiluft gesetzt. Die Krippenstation am Seniorenzentrum und auch unsere Kirche sollte ein Anlaufpunkt für Menschen sein, die spazierengehen. Aber bei dem Schietwetter ging natürlich kaum jemand vor die Tür. Verständlich. Die ganze Mühe also umsonst?

Ich glaube nicht. Denn Gott kommt trotzdem! 

Es ist halt genauso wie in der Lesung bei Jesaja: Wir warten zu Weihnachten auf einen König, den Retter der Welt. Die Freudenboten kündigen es an. Und die Wächter jubeln miteinander, wenn dieser König nach Zion, also Jerusalem zurückkehrt!

Einen königlichen Empfang haben wir Gott in diesem Jahr wieder nicht bereiten können. Sorry Gott, aber hier ist gerade Pandemie und außerdem habe ich zu viel zu tun, um dich perfekt zu empfangen.

Ja, aber so ist es bei Jesaja auch. Dort heißt es: Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems. Ja genau, die Trümmer sollen jubeln! Denn es ist keine intakte, perfekte Welt, in die hinein der Prophet Gott kommen sieht. 

Israel ist im Exil. Nichts da mit Tempel und heiler Welt. Verschleppt in die Fremde nach Babylon, seelisch ausgehungert, von Heimweh geplagt, Sehnsucht nach den gewohnten und lieb gewonnenen Tradition. Die einstige Hauptstadt in Trümmern.

Und diese Trümmer bekommen eine Verheißung. Sie sollen jubeln. Gott, der König, kommt.

Ganz ehrlich: Da kann ich mitgehen! 

Auch ich fühle mich oft in dieser Zeit wie in Trümmern. Mir fehlen die vertrauten Formen, gerade zu Weihnachten. Mir fehlt die Gemeinschaft: einfach mal Leute in den Arm nehmen, die nicht nur zum eigenen Haushalt gehören. 

Ich halte mich zurück mit Kontakten und mir tut es in der Seele weh, dass sich unsere Gesellschaft weiter spaltet bei der Frage nach den richtigen Maßnahmen und Wegen aus der Pandemie. Mitmenschen, Gemeindeglieder, die sich durch die Maßnahmen ausgeschlossen fühlen von der Gemeinschaft der Gläubigen. Von der Familie Gottes, weil sie kein Impfzertifikat oder keinen Genesenen-Nachweis vorlegen können. 

Das sind Trümmergefühle zu Weihnachten 2021.

Und dann das: Gott kommt und ich soll jubeln! Gott kommt zu mir, zu dir, zu uns. Gott kommt in eine unfertige Welt. Kommt hinein ins Leben, in meins und deins. Auch wenn nicht alles aufgeräumt ist, auch wenn wir noch nicht reinen Tisch miteinander gemacht haben in der Gesellschaft, im Freundeskreis, in der Familie.

Das macht alles nichts. Denn Gott kommt. Kommt trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen. Gott kommt. Eine königliche Ankunft sieht vielleicht anders aus, aber das macht nichts.

Das ist für mich der Kern der Weihnachtsgeschichte. Stall, Esel und Ochs – das ist alles schön und gut, aber nichts davon steht in der Bibel. Es geht darum, dass Gott zu uns kommt, menschlich wird, unperfekt, unfertig. Durchreise, Flucht, improvisiert, zunächst kein festes Zuhause. 

Man könnte auch sagen. Gott bricht sich einen Zacken aus der Krone und sie gibt ihn weiter an uns. Einen Zacken aus der königlichen Krone, an uns Menschen gegeben. Damit wir etwas abbekommen von dem göttlichen Glanz, der auf unsere Welt, auf die gespaltene Gesellschaft fällt. 

Der Zacken fällt auf die Ungerechtigkeit überall in aller Welt, er leuchtet auf in den Kriegsgebieten unserer Zeit, im Mittelmeer und den Außengrenzen, ja überall in den trostlosen Gegenden unseres Planeten und in den dunkelsten Herzen.

Gott bricht sich einen Zacken aus der Krone, aber das macht ihr nichts aus. Sie gibt den Zacken an uns weiter, an mich, an dich. Jedes Jahr aufs neue. Nicht nur an Weihnachten. Wenn wir dafür offen sind, dann sogar jeden Tag. Nur meistens scheitert das an uns selbst. Denn um diesen Zacken aus Gottes Krone zu entdecken, ihn zu spüren oder gar zu sehen, dafür muss man – glaube ich – offen sein. 

Und zumindest mir geht es im Alltag oft genug so, dass ich nicht offen bin. Aber an solchen besonderen Momenten wie dem Weihnachtsfest, da ist etwas offen in mir. Da kann ich den Zacken fühlen. Und da wollen die Trümmer in mir jubeln. Gott ist da! Und bleibt. In meinem Leben und in deinem Leben. Der Zacken verändert was, leider nicht immer so nachhaltig, wie es nötig wäre, damit sich was grundlegend verändert unter uns Menschen. Aber das ist halt so. Das nächste Weihnachtsfest wird kommen. So sicher wie das

Amen.

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