Ansichtssachen (1. Mose 16,13 – Jahreslosung 2023)

Nun geht auch dieses Jahr zu Ende. Und wieder gibt es ganz viele Jahresrückblicke, auf allen Kanälen.

Einen Trend, den ich dieses Jahr das erste Mal so richtig wahrgenommen habe, ist auf Instagram der persönliche Rückblick. Für jeden der letzten 12 Monate posten da die Nutzer jeweils ein Foto. Da wird so mancher glückliche Augenblick eingefangen, aber auch persönliche Tiefpunkte kann man sich so anschauen.

Überhaupt Instagram: Dieses Soziale Netzwerk war meine Entdeckung 2022. Da geht es vor alle um Visuelles, also Sicht-Weisen, Momentaufnahmen. Bei Instagramm stehen Bilder im Mittelpunkt. Fotos und Videos, welche die Nutzerinnen und Nutzer hochladen. Und Leute, die ihnen „folgen“, können so Anteil nehmen an dem, was ihre Freundinnen und Freunde erleben. Wenn einem ein Foto gefällt, kann auf so ein kleines Herz am Bildrand drücken. Ich finde, das hat schon was. Gerade die Perspektiven und die Motive, mit denen die Menschen Einblick in ihr Leben geben, das finde ich total spannend.

In meinem Jahresrückblick gäbe es viel zu sehen. Viele dunkle Bilder zu Beginn. Fotos von Corona-Testergebnissen zum Beispiel. Aber auch Licht in der Dunkelheit: Wie die Kerzen, die wir am 25. Februar in Friedensgebeten angezündet haben. Und die vielen Himmelsfotos fallen auch auf. Ich mache nach jeder Beerdigung ein Foto vom Himmel über dem Friedhof und schreibe das Wort „Abschiednehmhimmel“ dazu. So gedenke ich auf digitale Weise nochmal der Menschen, die vorher ganz real unter Tränen beigesetzt wurden.

Aber natürlich wären da auch fröhliche Motive. So genannte Selfies etwa, bei denen man sich selbst fotografiert, am besten noch mit anderen dabei. In die Kamera grinsen, lachen und zeigen, dass man auch in diesem, für viele ziemlich bescheidenen Jahr, trotzdem auch schöne Momente erlebt hat. 

Welche Fotos würden in deinem persönlichen Jahresrückblick vorkommen? Wäre es die große Vielfalt an Gefühlslagen? Oder eher eine vorherrschende Stimmung? Gab es Höhen und Tiefen in diesem Kalenderjahr für dich? Und mit wem hast du sie geteilt? Digital und analog?

Die Idee von Instagramm ist ja, dass ich mir aussuchen kann, wer mir folgt und wer meine Fotos und Gedanken dazu sehen kann.Aber letztlich steht doch dahinter ein echtes menschliches Bedürfnis. Nämlich: gesehen zu werden.

Denn es wäre doch echt traurig, wenn wir unser Leben lebten, ohne dass jemand davon was mitbekäme. Oder? Es geht es um das Gesehen-werden. Nicht alleine zu sein bei dem, was man erlebt. Anerkennung, ja, die spielt da sicher auch rein. Aber noch wichtiger scheint mir dieser andere Aspekt: Denn es kann sehr tröstlich sein, wenn Leute mich und mein Leben sehen. Vielleicht mit einem Herzchen zeigen, dass sie mir dabei gedanklich oder emotional nahe sind. 

Bei schönen Ereignissen ist das wie eine Art digitaler Applaus und vielen geht es bei Instagramm auch genau darum. Applaus bekommen für das tolle Leben, das sie da mt Fotos inszenieren. Aber bei schwierigen Fragen, bei traurigen Momenten, wird aus diesem Herzchen ein Zeichen der Solidarität.

„Du bist ein Gott, der mich sieht.“

Genesis 16,13

So lautet die Jahreslosung für das kommende Jahr. Der Kontext ist ja eine schwierige Geschichte: Dreiecksbeziehungen können echt anstrengend sein. Und das, was da zwischen Abram, Sarai und Hagar los ist, gehört schon bald in die Kategorie Daily Soap.  Der Patriarch braucht einen Nachkommen, einen Erben. Und seine Frau kann keine Kinder bekommen. An wem von den beiden es jetzt genau liegt, wissen wir nicht. Aber in der damaligen Zeit waren die Frauen eh an allem schuld, insofern kümmert sich die Erzählung da auch nicht drum.

Im Vorderen Orient vor 3.000 Jahren war es für den Stammvater ganz einfach möglich, eine Nebenfrau zu nehmen und quasi wie mit einer Leihmutterschaft für Nachkommen zu sorgen. Da kommt Hagar ins Spiel. Eigentlich ist sie die Dienerin von Sarai, aber nun steigt sie auf. Sie wird schwanger und steht damit zumindest faktisch im Rang über ihrer Herrin. Und das lässt sie Sarai spüren. Ein unwürdiges Spiel von allen Seiten, denn am Ende zieht die Dienerin doch den kürzeren. Ihre Herrin behandelt sie so schlecht, dass Hagar abhaut. 

Viele Wege gibt es damals nicht, also flieht sie in die Wüste, ein Ort, wo der sichere Tod wartet. Und dann kommt es eben zu der Begegnung mit dem Engel. Der fragt sie: Wo kommst du her? Und wo willst du hin? Sie gibt interessanterweise nur Antwort auf die erste Frage. Denn Hagar weiß ja nicht, wohin sie gehen soll. Eigentlich hat sie mit ihrem Leben und dem des ungeborenen schon abgeschlossen.

Der Engel weist sie an: Kehre zu deiner Herrin zurück und ordne dich ihr unter. Da muss Hagar sicher schlucken. Kein einfacher Weg, aber vielleicht doch besser, als in der Wüste zu verdursten.Und er gibt ihr eine Verheißung: Sie wird viele Nachkommen haben. Na, wenn das nichts ist. 

Im weiteren Verlauf der Geschichte bekommt Sarai dann ja doch noch ein eigenes Kind, Isaak. Und dann werden Hagar und ihr Sohn Ismael verstoßen. Sie werden noch einmal in der Wüste von einem Engel gerettet. Ismael wird zum Stammvater der Ismaeliten und gilt heute als wichtiger Prophet im Islam.

Also endet die Geschichte dieser biblischen Patchworkfamilie eher tragisch. Was aber bleibt, auch in der Überlieferung der letzten 3.000 Jahre, ist die Begegnung Hagars mit dem Engel. Sie ist der erste Mensch in der Bibel, der Gott einen Namen gibt. „Gott sieht nach mir“ – so nennt Hagar diesen Gott und den Ort ihrer Begegnung. Ich finde, dieser Name (naja, ist ja eigentlich mehr eine Beschreibung) ist ein echter Zuspruch für 2023. Und damit ist nun nicht unbedingt Instagramm gemeint. 

Gott sieht mich. Diese Erfahrung, die Hagar in der Wüste gemacht hat, kennst du sie auch schon? Dass da einer ist, der dich sieht. Auch wenn du dich am liebsten verkriechen willst?

Ich muss gestehen, dass ich in 2022 mehrere solcher Augenblicke hatte, in denen ich gerne unerkannt vor mich hin getrauert hätte. 

Trauer über den Krieg, die Situation von Geflüchteten im Mittelmeer, aber auch Trauer um Menschen, deren Lachen hier auf Erden für immer verklungen ist. Fragen an die Zukunft von Kirche. Wofür brauchen wir das alles überhaupt noch? Zweifel an den eigenen Fähigkeiten, etwas beizutragen, um den Klimawandel aufzuhalten. Und Zweifel im Umgang mit den eigenen Kindern.

Und dann, tatsächlich, hatte ich schon hin und wieder das Gefühl: Gott sieht mich. Sitzt da bei mir. Unaufdringlich. Manchmal seufzend. Nicht immer mit einem tollen Plan, wie man aus dem Loch wieder rauskommt. Aber doch immer voller Mitgefühl. 

„Gott sieht mich.“ Ich wünsche dir und mir solche Momente in 2023. Natürlich hoffen wir, dass alles (!) besser wird. Dass Frieden und Gesundheit sein wird. Und doch ist es auch gut, wenn in den schwierigen Momenten, die kommen, den Wüstenzeiten, Gott da ist. Uns sieht. Und uns nicht verlässt. 

Amen.

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